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In Bayreuth lassen die Darsteller keine Wünsche offen

Die Festspiele bringen diesen Sommer einen neuen «Lohengrin» und haben die «Meistersinger» vom letzten Jahr überarbeitet. Ein jüdischer Regisseur knöpft sich den Antisemitismus in Wagners Werk vor.
Tobias Gerosa
Er überstrahlt alle: Der Zürcher Tenor Piotr Beczala (oben) in der Oper Lohengrin. Unten: Der jüdische Regisseur Barrie Kosky inszeniert die «Meistersinger» als Plädoyer gegen Fremdenhass. (Bild: Bilder: PD)

Er überstrahlt alle: Der Zürcher Tenor Piotr Beczala (oben) in der Oper Lohengrin. Unten: Der jüdische Regisseur Barrie Kosky inszeniert die «Meistersinger» als Plädoyer gegen Fremdenhass. (Bild: Bilder: PD)

Bei über 30 Grad um 16 Uhr in ein unklimatisiertes Opernhaus mit rückenquälenden Lehnen zu sitzen und bis halb zehn oder halb elf an mindestens zwei der andern gut 1900 Zuschauern in immer stickigerer Luft auszuharren, um ausschliesslich Musik des Entwerfers dieses Hauses zu lauschen, hebt Oper vom reinen Unterhaltungsanlass ab: Die Wagner-Festspiele Bayreuth haben bei aller Öffnung etwas Sakrales erhalten, das nicht nur angenehm ist. Seit 1867 gibt es dieselben zehn Werke in gewissem Turnus, zwischen jedem Akt gibt es eine Stunden Pause: Die Werke des Meisters werden zelebriert.

Traditionalisten haben es aber seit Jahren nicht mehr ganz einfach: Das heutige Theaterverständnis ist auch im Wagner-Tempel angekommen.

Das zeigt Barrie Kosky, dessen Inszenierungen am Opernhaus Zürich in bester Erinnerung sind, in den «Meistersingern von Nürnberg», der Neuproduktion des letzten Sommers, die er jetzt überarbeitet hat. Der jüdische Regisseur inszeniert Adolf Hitlers Lieblingskomponisten Wagner – und knöpft sich ausgerechnet den Antisemitismus in Wagners Werk vor. Sein Stück ist ein Plädoyer gegen den Fremdenhass.

Im Wohnzimmer von ­Richard Wagner

Kosky interpretiert das Stück als Stück über Richard Wagner himself. Der erste Akt spielt im Wohnzimmer von Wagners Haus Wahnfried. Wagner alias Hans Sachs denkt sich hier seine Meistersinger mit seiner Frau Cosima als Eva oder den Dirigenten Hermann Levi als pedantischer Nörgler Beckmesser. Das endet im Saal der Nürnberger Nazi-Prozesse.

Das üble Spiel mit dem Gegenspieler Beckmesser mit seinen angeblich jüdischen Zügen wird hier zur Ausgrenzung Levis, erst fein, schliesslich in übler Stürmer-Manier. Das Bild der riesigen Judenmaske zur Prügelfuge brennt sich ein. Das ist klug gedacht. Dazu kommt ein sehr gutes Ensemble rund um den schlicht fantastischen Michael Volle als Sachs und ein überlegenes Dirigat des Schweizers Philippe Jordan. Der Regisseur bekam für diesen Traum Wagners ein paar Buhs ab, aber der Jubel für Sänger und Dirigent war gross.

Geflügelte ­Insektenmenschen

So auch beim «Lohengrin», der in Christian Thielemanns wunderbar feinen, austarierten Interpretation am Pult des Festspielorchesters eine musikalische Musteraufführung wird. Die Besetzung lässt kaum Wünsche offen. Waltraud Meier ist eine gefährlich leise Ortrud (die paar exponierten Töne zeigen auch, warum), die Elsa eher feministisch unterstützen als ihr schaden will. Anja Harteros singt diese beseelt und wie wenn dies das einfachste der Welt wäre. Überstrahlt werden sie alle aber vom in Zürich gross gewordenen Tenor Piotr Beczala.

So leise und intensiv hat kaum jemand die Gralserzählung gestaltet, müheloser strahlend ist die Rolle kaum vorstellbar. Das ist nahe am Ideal, eine andere Art von Wagners Traum.

Ist dabei von Nutzen, dass er szenisch wenig gefordert ist? Die Ideen des Regisseurs Yuval Sharon lesen sich im Programmheft interessant, seine emanzipatorische Umdeutung der beiden Frauen in einer verkrusteten Welt ist zu selten so klar, wie wenn Elsa sich abwendet, wenn Lohengrin sie anschaut: Keine Liebe, nur der einzige ideologisch mögliche Ausweg aus ihrer Situation. Praktisch aber wird auch viel gestanden, gerade beim grandios textverständlich und transparent singenden Chor. Überflüssigerweise findet der Kampf Star-Wars-artig in der Luft statt, und am Schluss erscheint ein kermitgrüner Retter.

Das Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy hat die Ausstattung gestaltet. Ihr Lohengrin pendelt wunderschön kalt blau mit konstrastfarbener Orangeergänzung zwischen Romantik und Abstraktion. Ein Turm und Stromleitungen verbinden sich mit geflügelten Inseketenmenschen und altniederländischen Trachten: Als Bildwelt stimmig, als szenische Interpretation dann aber doch zu wenig.

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