Wagner in Israel

Vergangenheit Die Musik Richard Wagners ist für viele Israeli bis heute ein rotes Tuch. Andere verstehen das nicht.

Susanne Knaul/Jerusalem
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70Jahre nach dem Holocaust würden die meisten Israeli gern einen BMW oder Mercedes fahren, Siemens muss sein Logo an Firmenfilialen keineswegs verstecken, und irgendein Elektrogerät von AEG findet sich fast in jedem Haushalt. Längst passé der Boykott gegen Deutschland, so scheint es. Wenn da nicht Richard Wagner wäre, an dem sich die Gemüter bis heute erhitzen. «Wagner ist das letzte Symbol, um die Wut zum Ausdruck zu bringen darüber, was die Deutschen uns angetan haben», sagt Dina Porat, Historikerin an der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Kein Gesetz stellt das öffentliche Vortragen von Wagner-Stücken unter Strafe, trotzdem kommt es, wenn doch einmal ein Konzert stattfindet, regelmässig zum Skandal. Zum letzten Mal standen die Ouverturen von «Tannhäuser» und den «Meistersängern» auf dem Programm eines Konzertabends in der Universität von Tel Aviv, den die Leitung in letzter Minute zu verhindern wusste. Es seien «schwere und wütende Vorwürfe» gekommen, hiess es in der Begründung.

Wagner-Verein gegründet

Jonathan Livny, Anwalt aus Jerusalem und so grosser Liebhaber des antisemitischen Komponisten, dass er eigens eine Wagner-Gesellschaft in Israel gründete, hatte die Aula gemietet. Im eigenen Land auch Wagner zu hören, will er sich selbst von Holocaustüberlebenden nicht verbieten lassen. Er fahre schliesslich nicht mit Lautsprechern durch die Gegend, sagt er. Über 200 Mitglieder «zwischen 17 und 90 Jahre alt» zähle seine Gesellschaft inzwischen. Wer das von ihm geplante Konzert hören wolle, sagt Livny, müsse sich eine Eintrittskarte kaufen, und wer nicht, «der kann zu Hause bleiben».

Das klingt einfach, ist es aber nicht. Orchester, Stadträte und parlamentarische Ausschüsse streiten über den Komponisten, Wissenschafter schreiben Bücher. «Wer hat Angst vor Richard Wagner», heisst eine über 300 Seiten umfassende Untersuchung aus dem Jahr 1984. «Der Ring der Mythen – Die Wagner-Kontroverse in Israel» von der Historikerin Na'ama Sheffi erscheint fast 20 Jahre später.

Angefangen hat der Boykott nach der Reichspogromnacht, als die Musiker des Philharmonischen Orchesters in Tel Aviv (heute Philharmonisches Orchester Israel, IPO) Wagners Werke kurzerhand vom Programm strichen. Dasselbe Orchester war es, das knapp 15 Jahre später als erstes wieder Stücke von Wagner und Richard Strauss spielen wollte. Strauss und auch Carl Orff waren in den Nachkriegsjahren ähnlich verpönt wie alles Deutsche, vor allem die Sprache selbst. Wagner und Strauss, so meint Sheffi, hätten sich über die Jahre zur «Inkarnation des Nationalsozialismus» entwickelt, auf die die Israeli «willig ihren Hass abluden». Fast immer drängten die Musiker nach vorn, gaben dann aber den Politikern und Beamten nach. Leonard Bernstein versuchte es, der junge Zubin Mehta. Zu einem Eklat kam es im Sommer 2001, als Daniel Barenboim, der mit der Staatskapelle aus Berlin zu Gast in Jerusalem war, als Zugabe zu einem Konzert die Ouverture von Tristan und Isolde anstimmte.

Überlebende hätten Probleme

200 000 Menschen, die den Konzentrationslagern entkommen sind, leben heute in Israel. «Die meisten wollen Wagner nicht hören», sagt Porat. Nicht nur, dass Wagner ein Antisemit war, spreche gegen ihn. Schlimmer noch sei «sein grosser Einfluss auf Hitler, der ihn zutiefst verehrt und bewundert hat». Ein einziger Überlebender, der es ablehnt, so findet die Holocaustforscherin Porat, «sollte ausreichen, damit das IPO und der öffentliche Rundfunk auf Wagner verzichten».