Wärmende Songs mit Trost und Selbstironie

Morgen teilen sich Die Heiterkeit und Weyes Blood im St. Galler «Palace» eine Bühne. Während die Hamburgerinnen tröstende Langsamkeit feiern, singt die Amerikanerin selbstironisch für ihre Generation. Einnehmende Melodien haben beide.

Timo Posselt
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Lakonie mit Die Heiterkeit. (Bild: Malte Spindler (Hamburg, 20. Februar 2016))

Lakonie mit Die Heiterkeit. (Bild: Malte Spindler (Hamburg, 20. Februar 2016))

Es ist eine Platte wie dickflüssiger Honig: «Pop & Tod I + II» der Hamburger Band Die Heiterkeit. Ganze zwanzig Songs tropfen uns darauf in tröstender Langsamkeit in die Ohren und wärmen von innen wie ein starker Kräutertee in einer schlaflosen Winternacht. «Betrüge mich gut», «Dunkelheit wird niemals» oder «Schlechte Vibes im Universum» – so assoziativ wie die Titel sind auch die Texte auf dem dritten Album der Band um Sängerin und Songschreiberin Stella Sommer. Diese teilt in ihrer Stimme die dunkle Nuancen mit Nico von Velvet Underground; die instrumentale Reduktion der Songs erinnert ebenso an die Ureltern des Punk: Meist nur von Gitarre, Bass und dezentem Schlagzeug getragen, mal Keyboard-Hooks.

Kaum eine deutsche Indieband klingt gleichzeitig so unaufgeregt und einnehmend wie Die Heiterkeit. «The End» sticht mit seinem Klavier heraus, doch stimmt in den Trostgesang ein: «Wenn es so weit ist, werden wir es wissen / Es kommt immer anders als gedacht / Es wird in Ordnung sein.» Was geschrieben wie ein Kalenderspruch wirkt, klingt gesungen wie eine Hymne der Zuversicht gegen das Weltuntergangsgeschrei um uns herum. Auf «Weisse Elster» beschwört Stella Sommer die Versöhnung: «Mit dem, was wir tun, kommen wir nicht weiter / kommst auf du auf mich zu / Irgendwann im Herbst, Irgendwann im Winter hilft es gegen Unruh». «Pop & Tod I + II» ist das vielleicht aufbauendste Album des Jahres: Wir alle brauchen mal Trost, Die Heiterkeit hat uns die Platte dafür geschrieben.

Aufgewachsen im «Bibel-Gürtel»

Im Palace teilen sie die Bühne mit einer der derzeit spannendsten Singer-Songwriterinnen in ihrer Sparte. Als Natalie Mering 1988 in einer erzkonservativen Familie tief im christlichen Amerika zur Welt kam, deutete nichts darauf hin, dass sie einst zur Indie-Überfliegerin werden sollte. Als Kind war sie Fan einer schwulen Sitcom-Figur und dachte sich deswegen früh: Wenn der nicht in den Himmel kommt, will ich auch nicht dorthin. Mit zwölf Jahren fiel sie vom Glauben ab. Dennoch schätzt sie die Akustik von Kirchen und den rituellen Pathos. Während sie mit Kirchenmusik aufwuchs und als Kind lange im Chor sang, begann sie später in der Noise-Rock-Band Jackie-O Motherfucker Bass zu spielen. Vor zehn Jahren veröffentlichte sie erste Songs auf Kassetten und gab sich den Namen Weyes Blood oder teils auch Wiseblood und Weyes Bluhd, 2011 veröffentlichte sie das psychedelische Album «The Outside Room» und erlangte 2014 mit «The Innocents» erstmals grössere Aufmerksamkeit. Nun folgt mit «Front Row Seat To Earth» der grösste Wurf der 28jährigen Natalie Mering. Oberflächlich sind es faszinierende Folksongs, die manchmal an Joan Baez anschliessen, doch hört man die Wurzeln der Amerikanerin raus.

Kirchenchöre und Klangwände

Es erklingen immer wieder Chöre wie die aus Merings Heimat im «Bibel-Gürtel»; teils bäumt sich eine Klangwand auf wie aus ihrer experimentellen Bandvergangenheit. Während die Songs einem mit ihrer mitsummbaren Unaufgeregtheit gleich um den Finger wickeln, verstecken sich in den Texten kleine Deutungsminen. So legt der Albumtitel nahe, die Erde wäre eine Variété-Show. Als könnte man in der ersten Reihe sitzen, wenn sie untergeht. Schliesslich gelingt ihr auch das kühne Unterfangen, mit «Generation Why» eine Hymne für die eigene Generation zu schreiben. Dies trotz aller erdenklichen Fallen. Zu akustischer Gitarre und Simon-&-Garfunkel-Gedächtnis-Pathos gipfelt diese im getragenen Refrain: «Y-O-L-O/ Why?» Was für «You Only Live Once» («Du lebst nur einmal») steht und sowohl als Twitter-Hashtag als auch als Rechtfertigung für jeden pubertären Gugus dient. Damit zieht Weyes Blood nicht nur die eigene Generation, sondern alle durch den Kakao, die glauben, im Song etwas über diese herauslesen zu können.

Mit Weyes Blood und Die Heiterkeit treffen jedenfalls zwei der lakonischsten und einnehmendsten Indie-Bands ihrer Sprachkreise aufeinander. Während die eine Trost spendet, regt die andere gewitzt zur Selbstreflexion an. Doch mit ihren Songs wärmen beide.

Sa, 19.11., 22 Uhr, «Palace», St. Gallen

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