Wärmende Klangfelder

Im dreimal ausverkauften Pfalzkeller St. Gallen hat Peter Roth mit seinem neuen Projekt ein eindringliches Lob der Stille zelebriert. Mit Musik, die Musiker wie Zuhörer geheimnisvoll zusammenführte.

Martin Preisser
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Es ist ein mutiges Unternehmen, das Geheimnis Stille mit Musik einzufangen. Das geht nur, wenn man Stille nicht als Abwesenheit von Musik versteht, sondern als Urgrund, aus dem Musik kommt und wohin sie wieder fliesst. Mit dieser Haltung hat Peter Roth seinen Zyklus «Silence» konsequent gestaltet. Der Toggenburger Künstler tut das nicht mit Musik, die komplexen gedanklichen oder konzeptuellen Anstrengungen entspringt, sondern mit Musik, die unmittelbar anspricht, die fast aus einer unschuldigen Haltung ihr gegenüber erwachsen ist.

Diesem Zyklus zuzuhören, war Seelenbalsam, es erforderte kein Verstehen, sondern ermöglichte ein Eintauchen, ein Warm- und ein Einswerden mit Tönen, Klängen, Bildern und Texten. Roths Musik lässt Raum, lässt Zeit zum Hinhören, nimmt sich aber auch Zeit, sich selbst zu entwickeln. Mit erstaunlich wenig Gesten am Klavier ermöglichte Roth seinen «Silence»-Gestaltern, diese Musik entstehen und wieder vergehen zu lassen. Musik, die Hörer wie Spieler unmerklich in wärmenden Klangfeldern vereinte und sie zu beruhigenden Momenten zusammenführte.

Die Texte über Stille entwickelten ein Eigenleben

Treffsicher war die Auswahl der spirituellen Texte, die über ihre eigentliche Vertonung hinaus kräftiges Eigenleben zugestanden bekamen. Da findet Peter Roth in der Lyrik von Angelus Silesius stehende und nur unmerklich sich weitertragende Klänge. Bei zwei von drei Texten von Dschalaluddin Rumi gibt es die grösseren, freudigen, diesseitigen Ausbrüche. Da singt das Chorprojekt St. Gallen, mit dem Peter Roth jetzt genau dreissig Jahre unterwegs ist, fast ein wenig mit groovigem Gospel-Touch. Und das Choralartige hat Roth gekonnt der Lyrik von Dorothee Sölle zugedacht, die Spiritualität und politische Verantwortung auf einen Nenner zu bringen versteht.

Gregorianik, soulige Jazzballaden und Ethno-Farben sind kompositorisch das Eine. Ganz grossen und entscheidenden Anteil, das Woher und Wohin der Klänge aus der und in die Stille zu erleben, bildeten die improvisierten Passagen. Da konnte sich das «Silence»-Projekt auf wunderbare Musiker verlassen. Auf Michael Neff (Trompete, Flügelhorn), Markus Gsell (Saxophon, Klarinette), Adelina Filli (Kontrabass) und Ferdi Rauber (Gong, Perkussion). Feinsinnig haben diese Vier auf das Vorkomponierte reagiert und extrem persönlich improvisiert, auch immer wieder die Obertöne als Klangunterlage engagiert herausarbeitend. Vielleicht haben diese Improvisationen auch gezeigt, dass aufgeschriebene Musik immer auch erst «improvisiert» kam, bevor sie feste und in Noten gegossene Strukturen bekam.

Eine Sängerin mit klarem, schnörkellosem Ton

Nicht zu vergessen die Sängerin Barbara Balzan, die in den jazzigen Balladen mit klarem, geradem, schnörkellosem Ton begeisterte, mit einer Stimme, die die Natürlichkeit und Ursprünglichkeit des «Silence»-Projekts kunstvoll unprätentiös und dafür umso eindringlicher unterstrich. Einen eigenen Text hätten die Projektionen von Alexander Lauterwasser verdient, der sich seit langem mit Wasser als Medium für darstellbare Schwingungen beschäftigt. Seine Bilder, die die Musik auch live von der Wasserschale auf die Leinwand übertrugen, waren nie nur äusserliche Darstellung. Blütenexplosionen, schnelle Energieballungen kamen da, die die Musiker und den Chor im Musizieren selbst zu inspirieren schienen. Ferdi Raubers Spiel auf dem Gong eröffnete und beschloss diesen wunderbaren Abend. Und was wäre besser geeignet als der Gong, um das Aufkeimen und Sich-wieder-Niederlegen von Klang zu zeichnen?