Vorlaut und schlau wie Berliner

Mit der ersten Eigenproduktion unter der neuen Theaterleitung hat im Figurentheater St. Gallen die Spielzeit begonnen: «Emil und die Detektive» nach Erich Kästners Kinderkrimi ist spannend, witzig und augenzwinkernd nostalgisch.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
Berliner Schnauze, mal in Ostschweizer Mundart: Lukas Bollhalder und Patricia Kuhn mit den Figuren Gustav und Emil. (Bild: Urs Bucher)

Berliner Schnauze, mal in Ostschweizer Mundart: Lukas Bollhalder und Patricia Kuhn mit den Figuren Gustav und Emil. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Eine knifflige Sache: Halb Berlin, also mindestens hundert Kinder, will Gustav mit der Hupe mobilisieren, um seinem neuen Freund Emil zu helfen. Sie erinnern sich sicher – Emil Tischbein, dieser «patentierte Musterknabe» aus Kästners Roman, dem auf der Fahrt nach Berlin, mutterseelenallein im Zug, das Geld für die Grossmutter gestohlen wird. 140 Mark, viel Geld für damalige Zeiten!

In diese Zeiten taucht «Emil und die Detektive» ein, als Mischung aus Figurentheater und Schauspiel mit einfachen Mitteln und wenigen Requisiten: vor allem Koffer und schwarze Telefone mit Gabel und Wählscheibe von anno dazumal gehören dazu. Priska Boos und Johannes Eisele haben Figuren in zwei Grössen geschaffen, denen man ansieht, dass sie Charakter haben, Chuzpe, Ecken und Kanten. Auf den Mund gefallen sind sie ebenfalls nicht. Echte Berliner eben, clever und vorlaut, auch wenn sie Ostschweizer Mundart sprechen. Emil wird schnell einer von ihnen.

Emil allein unterwegs

Die Stückfassung versucht nicht auf Biegen und Brechen, den Stoff des ersten richtigen Grossstadtkrimis für Kinder aus dem Jahr 1929 ins Hier und Jetzt zu hieven. Vielmehr liegt ein wesentlicher Reiz der Geschichte und ihrer Umsetzung unter der Regie von Frauke Jacobi darin mitzuerzählen, wie es war damals: als Buben noch «gute Anzüge» hatten (wie Emil) oder barfuss liefen in der Stadt (wie Gustav). Als man sparen musste auf eine Luftpumpe für sein Kindervelo (wie Pony Hütchen) und viel Zeit brauchte für die «grosse Wäsche» (wie Emils Mutter).

Ach, und was wäre die Reise nach Berlin in einem modernen Neigezug gegen das herrliche Rütteln, mit dem Emil hier im Stück unterwegs ist (übrigens in ein Buch mit dem Titel «Das fliegende Klassenzimmer» vertieft)? Für die Spieler, in diesem Fall Lukas Bollhalder, Patricia Kuhn und Anja Weiss-Gehrer, jedenfalls nur halb so interessant! So freuen sich also die Emil-Leser zwischen 9 und 99 an kleinen, durch die Lektüre vertrauten Details aus der guten alten, damals schon immer schneller und grösser werdenden Zeit. Und die kleineren Zuschauer bleiben dabei nicht auf der Strecke.

Punkt, Komma, Strich

Ohnedies richtet sich die erste Eigenproduktion der neuen Saison an Kinder im Primarschulalter. Und natürlich an alle Erich-Kästner-Fans, die hier in pointierten Mundartdialogen und verschmitzt gezeichneten Figuren die Quintessenz seines feinen, intelligenten Humors entdecken. Gerade sie werden sich von Anfang an fragen, woher am Ende die vielen Kinder kommen sollen, um den Dieb namens Grundeis (oder doch Müller?) in die Enge zu treiben. Wer sollte so viele Figuren bauen und spielen?

Die Lösung liegt in der cleveren Bühne von Alexandra Akeret, Martin Beck und Frauke Jacobi. Sie besteht nicht aus fixen, fertigen Bildern, sondern aus beweglichen Elementen, die mit Tafellack gestrichen sind – und von Szene zu Szene neu gedreht, anders gestapelt und mit Kreide bemalt werden. Wenn es sein muss, auch mit annähernd hundert Kinderköpfen! Das gibt «Emil und die Detektive» zusätzlichen Schwung, es schafft Raum für Erzählpassagen und kommt so frisch daher wie das Buch selbst, immer noch. Kein Gedanke an kreidestaubige Schulzimmer kommt auf; eher ist die Idee eine Hommage an die Vorstellungskraft von Kindern und ihre Gabe, im Rollenspiel mit ein paar Strichen eine Welt zu schaffen.

Menschen und Figuren

Natürlich muss eine Geschichte wie diese auch ein bisschen Herzklopfen machen. Schon bevor es richtig losgeht, schleichen verdächtige Typen im Trenchcoat herum. Die Musik von Stefan Suntinger klingt ein wenig nach alten Miss-Marple-Filmen. Dass Herr Grundeis, «der Herr im steifen Hut», von Lukas Bollhalder in Lebensgrösse verkörpert wird und Frau Tischbein von Anja Weiss-Gehrer, betont die Kluft zwischen Kleinen und Grossen.

Doch die Kinder wissen sich ja durchaus zu helfen und haben ihren Spass an der Verbrecherjagd: die im Theater ebenso wie Emil, Pony, Gustav, der Professor, der kleine Dienstag (alias «le petit mardi») und die etwas depperten Mittenzwey-Zwillinge. Kurz vor Schluss gibt es dann noch eine Lockerungsübung für die Spürnasen im Publikum. Was das genau ist, bleibt an dieser Stelle natürlich streng geheim. Parole Emil!

Bis 12.11. jeden Mi, Sa und So, 14.30 Uhr, Figurentheater St. Gallen. Wiederaufnahme Ende April

Aktuelle Nachrichten