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Vor der Haustür liegt ein anderer Planet

Regional – radikal – randständig: Die Herausgeber des literarischen Jahresheftes «Mauerläufer» bleiben in der neuen Ausgabe bei den drei «R». Auch wenn die Welt inzwischen globalisiert ist. Die Autoren haben viel mit Region am Hut, aber nichts mit Regionalismus.
Dieter Langhart
Blättern, lesen, schauen im dritten «Mauerläufer». (Bild: Urs Bucher)

Blättern, lesen, schauen im dritten «Mauerläufer». (Bild: Urs Bucher)

M wie Mauerläufer: ein kleiner grauer Vogel, dessen Federn erst im Flug rot leuchten. M wie Mut: den braucht es, um im übersättigten Buchmarkt literarische Texte zu einem bunten Buch zu binden. Die Autoren stammen aus der Vierländerregion um den (einigenden? trennenden?) Bodensee, die Vorgabe der Herausgeber für den dritten «Mauerläufer» lautete «Region». Doch dieser Begriff lässt sich fast unendlich dehnen. Zum Glück.

Regionalismus war einmal

Jochen Kelter, einer der ehrenamtlich arbeitenden Herausgeber, erkennt im Vorwort dennoch eine Gemeinsamkeit bei den Texten: «Sie alle verfolgen kein pädagogisches Ziel»; anders als der Regionalismus, der eine politische und eine literarische Bewegung gewesen war, damals, in den 60er- und 70er-Jahren.

Nur mit Texten hätte der «Mauerläufer» 2014 kaum abheben und losfliegen können, doch Grafikerin Eva Hocke hat Kunst über das geschriebene Wort gegossen. In einer einheitlichen Bildsprache, die aber von Heft zu Heft eine andere Färbung aufweist. Das dritte Heft mag etwas härter, schwarzer, grafischer wirken, aber nicht minder attraktiv.

«Armer, junger See»

Dieser literarische Sammelband regt sehr zum Blättern und Stöbern an, wir beginnen dennoch vorn, bei der «Selbstlebensbeschreibung» der Müllheimer Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse. Sie nennt den Bodensee «armer, junger See», denn es gibt ihn erst seit etwa zwanzigtausend Jahren. Zsuzsanna Gahse assoziiert ihre Geschichte um Kutschen und drei Pferde herum, deren Zügel sie in der Hand hält. Sie sprechen Österreichisch, Süddeutsch und Schweizerdeutsch: «Die drei verstehen einander, sie schnauben ähnlich, oft sogar gemeinsam, und abwechselnd werfen sie die Köpfe hoch, wenn ich, um mich stumm umzuschauen, zu lange anhalte.»

Der Aroser Hans Gysi lebt in Märstetten. In «here I am (hier bin ich)» schreibt er, er sei «fast ein thurgauer dem thurgauer, und doch bleib ich etwas der fremde, der ansasse nur, der widerspenstige […] der überzählige, der fötzel, der unsichtbare.»

Blechboot in Romanshorn

Die Karte am Ende des Buches zeigt, wie die meisten Schweizer Autoren nahe dem See leben, während die Deutschen bis über Stuttgart hinaus ragen und Österreich bis zu Bodo Hell nach Wien reicht. Nur sagt das wenig über ihre Herkunft aus oder ihre innere Heimat.

Die Zürcherin Michèle Minelli lebt seit kurzem auf dem Iselisberg über dem Thurtal und thematisiert das in «Ein Thurgauer vor mir, das hiess früher hupen»; Zsuzsanna Gahse ist 1956 aus Ungarn geflohen; Heinrich Kuhn («Maag & Minetti-Geschichten») hat zwei Lebensorte, St. Gallen und Paris. Und Stefan Keller hat es längst von Birwinken nach Zürich verschlagen, doch seine Leidenschaft als Historiker gilt auch der Heimat: Das Zitat auf der Titelseite, «traf seeabwärts in Romanshorn ein Blechboot ein», stammt aus «Die denkwürdige Erinnerung». Zwei Arbeiter der Zeppelinwerke hatten es sich aus Blechbüchsen gebaut, weil sie nicht an die Front wollten.

Heichler und Hüüchler

Kuhns Text «Grundlos schielen» lässt sich nicht verorten, wie viele der versammelten Texte. Wie auch die meisten in alemannischer Mundart, die die Oberschwaben oder Allgäuer gern verwenden, nicht aber die Ostschweizer. Hanspeter Wieland etwa in «He Antifa»: «wie seetmer zu Heuchelei – Heichler, Heichlerei, i woss itt; Hüüchle sagget d Schwiizer, es macht es ou itt besser: Di ganz heit Antifa isch e Heichlerei.»

Wunderbar lässt sich blättern und lesen. Und bei einem Aquarell steht: «Trete ich vor die Haustür, bin ich auf einem anderen Planeten.»

Mauerläufer. Jahresheft für Literatur und Kunst. Edition Mauerläufer 2016, 208 S., Fr. 14.– www.mauerlaeufer.org

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