Von Socken und anderen Zwergen

Seit Oktober des vergangenen Jahres zeigt Paul Hafner in Etappen einen Über- und Rundblick seiner zehnjährigen Galerie-Tätigkeit im Lagerhaus. Den Abschluss bilden die beiden Künstler Ronald Kodritsch und Hadrien Dussoix.

Brigitte Schmid-Gugler
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Verwegen und frech: Ronald Kodritsch, der sonst monumental malt, zeigt bei Hafner eine Serie kleinformatiger Fotografien. (Bild: Urs Jaudas)

Verwegen und frech: Ronald Kodritsch, der sonst monumental malt, zeigt bei Hafner eine Serie kleinformatiger Fotografien. (Bild: Urs Jaudas)

Jetzt mal ehrlich. Da meint einer, er könne so ein Pärchen gelismeter Socken aufstellen – eh, ausstellen und uns das als Kunst verkaufen. Ein paar wirklich hundskommune Socken. Wie die von Grossmutter, zu Weihnachten. Und erst noch mit Flecken drauf. Geradezu starr vor Schmutz stehen/stinken sie einem entgegen. Erstarrt wohl vor der schieren Anmassung, als Kunstwerke herhalten zu müssen. Etwas eingeknickt, wie leicht beschämt (Duftnote Fussschweiss), demütig vor ihrem Sockenkunstmeister die eine, straffer, aufgerichteter, so als hätten die beiden hierarchisch nicht eben denselben Rang, die andere.

Ein Kunst-Provokateur

Und was, bitte schön, sagt uns dieses vielfarbene Fleckenmuster? Etwa in was reingetreten? An was Ungehörigem festgeklebt gewesen? Hmmm…nun ja, würde dieses Paar Kunstsocken nicht Ronald Kodritsch gehören, könnte man an ein Probenfoto im Figurentheater mit dem Titel: «Sock's Ausflug ins Gebirge» denken. Doch Kodritsch, dieser bissige Lümmel, trägt die (ursprünglich grünen) Socken tatsächlich, macht sie schmutzig, zieht sie aus (riecht vielleicht sogar an ihnen), und stellt sie wie seine zwei Hilfszwerge vor sich auf, fotografiert sie. Der Hintergrund (eine Sofalehne) wie der Ausläufer eines aperen Berghangs. Von der gegenüberliegenden Wand lacht ihnen im übrigen Henri Dussoix' stets anwesendes Scherbenmännchen auf Sockel «Beyond Good & Evil» entgegen – welch weise zusammengefügtes Duo!

Spuren der Imagination, Illusion, Subversion. Spuren von im Werk-Statt-Gefundenen. Spuren von Verschleiss. Spuren von bissigem Humor und sarkastischer Weltbefragung. Spuren der Verwirrung auch, die man ja kennt von Kodritsch: Seine Aktionen gemeinsam mit dem Autor, Kunstfilmer und Aktionskünstler Georg Pruscha und ihre als Poncho-Brothers verkleidete Interventionen im öffentlichen Raum, wie beispielsweise das von ihnen eröffnete Büro für Heiligsprechungen, erregte Aufsehen. Bei Paul Hafner war der 1970 in Österreich geborene Künstler Ronald Kodritsch das letztemal vor sechs Jahren. Damals zeigte er buchstäblich wandfüllende Arbeiten, grossflächige «Verwirrspiele» um gar nicht vorhandene Malereien.

Todernste Lustigkeit

Schräg zu den zwei kleinen Bildtafeln «well paid jobs» von Dussoix hängen vier weitere Fotografien – wie das Sockenbild aus der Serie «Tischskulpturen». So spontan die Motive arrangiert zu sein scheinen, so durchschlagend ist ihre Bildkraft – sei dies im spitzbübisch angebissenen «Keksgeist» mit den schreckrunden Konfitüre-Augen und den Brösmeli ringsum wie Sternschnuppen; in der immer wieder bei Kodritsch auftauchenden Figur des Batman (man sagt, er arbeite besessen daran, sein Künstler-Ego in einen Comic-Helden zu verwandeln), der hier, beobachtet von seinem eigenen Torso, in einer Zigarettenschachtel verschwindet. Auch der «Alutisch II», eine Assemblage aus lauter eingepackten «Alltags-Relikten» ist blendend verwegen: sogleich versucht das Hirn für Zukunftsarchäologie, die geheimnisvollen Päckchen Gegenständen zuzuordnen, die «versilberten» Reliefs regelhaft betriebener Sinnverweigerung unter Denkmalschutz zu stellen. Lächeln erlaubt.

Bis 29. Januar, Galerie Paul Hafner