Von Prag bis auf die Krim

Adolf Jens Koemeda lädt in seinem neuen Buch «Die Axt» Solisten und Short-News-Liebhaber, vor allem aber Europa auf seine Couch ein.

Chris Gilb
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Adolf Jens Koemeda Schriftsteller und Psychiater, lebt in Ermatingen. (Bild: Nana do Carmo)

Adolf Jens Koemeda Schriftsteller und Psychiater, lebt in Ermatingen. (Bild: Nana do Carmo)

1966 emigrierte der Psychiater und Autor Adolf Jens Koemeda aus politischen Gründen aus der Tschechoslowakei in die Schweiz. Heute wohnt er in Ermatingen. Seine Novelle «Die Axt» aus seinem neuen Buch beschäftigt sich mit Europa und dem Verhältnis zu Russland. Dies passenderweise in einem Krankenhaus. Denn sowohl nach innen wie aussen kränkelt Europa aktuell. Der Ich-Erzähler Hubata ist Exiltscheche wie der Autor selbst. Er teilt sich ein Krankenhauszimmer mit Mario, einen lebenslustigen Italiener, der ununterbrochen Besuch erhält. Die beiden lachen viel, bis sie feststellen, dass es vorerst besser wäre, ernstere Themen zu behandeln: Lachen bereitet den Patienten Schmerzen.

Vom Prager Frühling zur Krim

Schwester Mathilde kümmert sich zeitweise um die beiden. Sie trägt einen blonden Oberlippenbart, der Hubata an Stalin erinnert; sie ist in allem besonders laut. Als er zurück schreit, entschuldigt sie sich und wird leise. Was der Autor den Lesern damit mitteilen will? Die zwei Patienten unterhalten sich in Deutsch, denn der eine versteht die slawischen, der andere die südeuropäischen Sprachen nicht. Sie versichern aber mehrfach, einander die Sprachen beibringen zu wollen. Der Ich-Erzähler gesteht ein, dass viele seiner Generation aus der Tschechoslowakei neben Tschechisch nur Russisch beherrschten. Dann, eines Nachts, stellt Mario Hubata die entscheidende Frage: Ob er sich als Europäer fühlt? Doch was für Eigenschaften muss ein Europäer überhaupt besitzen? Koemeda lässt seine Figuren darüber mitten in der Nacht sinnieren. Mario berichtet von seinen Eltern, die ihn, als er klein war, in ein Internat nach Italien schickten, um die Kultur seiner Heimat zu lernen, doch er vermisste den Bodensee. Dann kommt noch ein alter tschechischer Freund zu Besuch – mit einer Geschichte vom Prager Frühling im Gepäck. Geschichte erwacht in Koemedas Novelle zu neuem Leben. Wieder rollen Panzer – nicht in Prag, aber auf der Krim. Und die Novelle bietet manchen Hinweis auf die Parallelen zwischen diesen Geschehnissen.

Zwölf Kurzgeschichten

Neben der interessanten und dank der Krankenhaus-Kulisse auch sehr amüsanten Novelle «Die Axt» enthält das neue Buch von Adolf Jens Koemeda zwölf Kurzgeschichten in vier Kapiteln. Eines der Kapitel heisst exemplarisch «Auf der Couch», denn im Buch wird man den Eindruck nicht los, dass der Autor seine Erlebnisse als Psychiater verarbeitet. Am Strand lässt er eine moderne Frau mit einem Bücherwurm über den Wert von Selbstverwirklichung-Kompetenz und Short-News debattieren. Eine andere Frau ist von ihrer besten Freundin verlassen worden, weil sie den Egoismus ihrer Einsamkeit nicht mehr ertrug. Koemeda nennt die Kurzgeschichte «Die Solistin» – ein Menschentyp, der immer häufiger werde. Wie sich dieser Menschentyp mit dem europäischen Gedanken verträgt, lässt Koemeda offen.

Adolf Jens Koemeda: Die Axt. Eine Novelle und zwölf Kurzgeschichten. Offizin 2015, 170 S., Fr. 24.–