Von New York nach Trogen: St.Galler Pianist Claude Diallo hat eine Ode an sein neues Zuhause komponiert

Der St.Galler Pianist Claude Diallo wartet mit einer frischen, feinsinnigen CD auf: Lyrische Musik unter Freunden, die Diallos aktuelles Können wie als Zwischenhalt dokumentiert.

Martin Preisser
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Der Pianist Claude Diallo zwischen seinen amerikanischen Musikerfreunden Andy Bauer (Drums) und Luques Curtis (Bass).

Der Pianist Claude Diallo zwischen seinen amerikanischen Musikerfreunden Andy Bauer (Drums) und Luques Curtis (Bass).

Bild: André Brugger

Nur gerade mal eine gute halbe Stunde neuer Jazz von Claude Diallo. Sechs der sieben Stücke sind aus seiner Feder. Und tragen überzeugend seine Handschrift. Diallos Musik singt auf dem Klavier, ist konzentriert und poetisch, sie fliesst und hat eleganten Drive. Die Ideen des St.Galler Jazzpianisten wirken wie ein kompakt zusammengefasster Zwischenhalt mit seinen aktuellen Können.

Und sie sind ein kleines Familienalbum. «Yours» ist Diallos Frau Daniela gewidmet und startet, zunächst am Klavier allein, mit verträumten Wellen und farbigen Klangkaskaden. «Léo Mathieu» ist eine fast zärtliche Solo-Ballade für Claude Diallos kleinen Sohn. Eine intime, in sich aber bewegliche Miniatur. «I Found A New Home» ist der Titel der neuen Aufnahme, die sowohl als CD wie auch als Vinylplatte vorliegt. Diallos Spiel wirkt hier voll vorwärtsdrängender, ja fast euphorischer Energie. Hier gelingt eine kräftige Ode an ein neues Zuhause.

«New York ist wie eine Droge»

Das neue Heim ist in Trogen. Vor zwei Jahren hatte Claude Diallo seinen Lebensmittelpunkt New York aufgegeben und ist zurück in die Ostschweiz gekommen. «Ich habe in den USA das erreicht, was ich erreichen wollte», sagt er. Klar, er vermisse manchmal den Rhythmus und Lifestyle von New York, wo man Tag und Nacht weltbesten Jazz hören und mit Jazzgrössen zusammen spontan musizieren könne.

«Aber New York sei wie eine Droge, hat mir mal ein Jazzmusiker gesagt. Man kommt fast nicht weg aus dieser Stadt. Sie hält einen mit ihren immensen musikalischen Möglichkeiten immer wieder fest.»

Claude Diallo hat den Absprung geschafft und sich auf den Ostschweizer Lebensstil durchaus wieder gefreut.

Die neue Platte ist noch in New York aufgenommen worden. Entstanden ist sie an nur einem Tag, alle Nummern sind first takes. Dafür ist der geschlossene, stimmige Charakter in nie abreissendem perlendem Drive erstaunlich, mit dem Claude Diallo, Drummer Andy Bauer und Bassist Luques Curtis überzeugen. Das Zusammenspiel wirkt stets organisch, alle drei lassen sich immer wieder vom lyrischen Grundton der Kompositionen inspirieren. Das ist Musik unter Freunden, gleichwertig und ausgewogen. Diallo kennt den Bassisten und den Drummer seit 2005 aus Studienzeiten am Bostoner Berklee College of Music.

Dass Drummer Andy Bauer mit der etwas mystisch-geheimnisvoll angehauchten Komposition «Animation’s Contemplation» auch auf dem Tonträger vertreten ist, freut Claude Diallo. Der Freund hat das Stück schon mit 15 Jahren komponiert. Für Andy Bauer bedeutet die CD mit Diallo auch einen Neustart. Der Drummer hatte sich bei einem Autounfall eine schwere Rückenverletzung zugezogen.

Lässig federnde Hommage an zwei Grosse des Jazz

Es geht auf der neuen Diallo-Platte vorwiegend elegant und lyrisch zu. Mit einer begeisternden Ausnahme: Mit dem Schlussstück «McCoy Meets Monk» hat sich Diallo einen spannenden Dialog einfallen lassen: Die beiden Jazzlegenden Alfred McCoy Tyner und Thelonious Monk stellt sich Diallo als gemeinsam musizierendes Duo vor. McCoys «Passion Dance» wird zitiert, sein Denken in Quarten aufgenommen und mit dem quirligen Drive von Monks pianistischem Bebop-Können und seinen Ganztonleiter-Kaskaden verknüpft. Eine tolle, vorwärtsdrängende, lässig federnde Hommage an zwei ganz Grosse des Jazzpianos, gespickt auch mit coolem Reggae-Elan.

Und die neue Platte von Diallo und Friends hat es geschafft bei einem bekannten amerikanischen Jazzlabel, bei Dottimerecords unterzukommen. Das Label hat sich auf einer Jazz-Messe in Bremen für die Klänge des Ostschweizer Musikers interessiert. Eigentlich war jetzt eine siebentägige Tournee geplant. Wegen Corona ist auch Claude Diallo aufs Streamen ausgewichen. Einen Drittel der Kosten der neuen Platte hat er durch Verkäufe schon eingenommen.

«Das freut mich, weil ich eine solide Fanbasis spüre. Auch das neue Label hilft natürlich spürbar.»

Eine zweite Aufnahme mit den US-Freunden ist bereits für September geplant. Die Songs sind schon parat.

CD «I Found A New Home»: DT 9089; erhältlich bei: claudediallo.com und dottimerecords.com; bis 31. 5. macht Claude Diallo jeden Sonntag, 20.00 bis 20.30 Uhr, einen Live-Stream von zu Hause aus (https://youtu.be/2UHeB0POdSg)

«Jazz-Stobete» mit Claude Diallo

Am Mittwoch startet der Pianist zusammen mit dem Ostschweizer Jazz Kollektiv in eine zwölfteilige Konzertreihe durch das Appenzellerland.
Nadine Küng
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