Literatur
Urs Augstburgers neuer Roman ist eine Liebeserklärung an den Tüftlergeist

«Das Dorf der Nichtschwimmer» des Aargauer Schriftstellers ist ein Berg-Roman und handelt von Menschen und Naturgewalten.

Anna Wegelin
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Urs Augstburger, Schriftsteller

Urs Augstburger, Schriftsteller

Oscar Alessio

Ein Dorf mit Benediktinerkloster in der fiktiven Talschaft Deserta. Das leitmotivische Strahlen oder die sagenhafte Suche nach Kristallen im Alpenmassiv, eine ganz reale Einkommensquelle anno dazumal. Und zwei Familiengeschlechter aus derselben Gemeinde, die Benedikts und die Cavegns, die über drei Generationen schicksalhaft miteinander verbandelt sind. Das sind die drei wichtigen Komponenten für das Gerüst in Urs Augstburgers Roman «Das Dorf der Nichtschwimmer».

Für seine siebte Buchveröffentlichung, auch sie ein «Bergroman», ist der Aargauer Autor aus Brugg mit Jahrgang 1965, der heute in Ennetbaden lebt und sein Brot im Bereich Dokumentarfilm beim Fernsehen SRF verdient, wieder zum unabhängigen Schweizer Verlag von Ricco Bilger zurückkehrt, bei dem Augstburger vor über 20 Jahren debütierte. Ein stimmiges Duo, sind doch der Autor und sein Verleger beide Grenzgänger zwischen dem Unterland und der Schweizer Bergwelt.

«Das Dorf der Nichtschwimmer» spielt im Bündner Oberland und in Norditalien. Die Story, die inspiriert ist von der ­wahren Geschichte zweier Familiengeschlechter aus der Surselva, startet in der Gegenwart. Sie führt in die Vergangenheit zurück bis zu den 1930er-Jahren, als Dosi Cavegn und Otto Benedikt dieselbe Frau im Dorf begehrten, eine Bäckerstochter aus gutem Hause mit einem gesunden Selbstbewusstsein. Der Roman ist in drei Kapitel gegliedert, das Buch der Tochter, das Buch der Grossväter und das Buch der Väter. Hauptgeschichte und Nebenstorys verlaufen nicht streng chronologisch, vielmehr nimmt uns Meret Benedikt mit auf ihre freiwillig-unfreiwillige Spurensuche. Sie ist Augstburgers sympathische Heldin und könnte ruhig noch ein wenig mehr Konturen haben.

Meret, geboren 1984 und Mitte dreissig, ist Wissenschafterin von Weltrang. Mit ihrem Team des privaten Forschungslabors Greentec hat sie das Verfahren für eine Brennstoffzelle ohne Platin entwickelt, ein bahnbrechender Beitrag gegen den fortschreitenden Klimawandel. Ihre Entdeckung könnte zum lukrativen Geschäft werden. Da ereilt sie die Nachricht, dass die Leiche ihres Vaters Vincenz, vor 36 Jahren kurz vor Merets Geburt beim Berggang verschollen, nach all den Jahren auf dem wegschmelzenden Gletscher gefunden wurde.

Mit gemischten Gefühlen reist Meret zu Beginn des Buchs im Februar 2020 kurz vor Ausbruch der Coronapandemie nach Dadens, das Dorf in der Deserta, in dem sie mit ihrer allein­erziehenden Mutter aufwuchs. Noch ist Vincenz, Maschineningenieur und Biologe und auch er – ganz Benedikt – ein unabhängiger Erfindergeist frei von der korrumpierenden Geschäftemacherei, für seine erwachsene Tochter ein «Phantom». Doch das soll sich ändern.

Leicht zu lesen und mit starken Dialogen

In Dadens begegnet Meret dem Niculan Cavegn wieder. Er, der Sohn des mürrischen Corsin, seinerseits der frühere Jugendfreund von Vincenz und schon lange nach Italien abgehauen, hat Merets Vater im Gletschergebiet gefunden. Niculan arbeitet als visueller Gestalter bei einem Start-up für App-Entwicklungen in Zürich und will im Dorf eine Manufaktur mit eigenen Skiern aufziehen. Zwischen Meret und Niculan sprühen sofort die Funken, genauso wie es eine Generation davor zwischen Vincenz und Adalina, der Schwester von Corsin und Tante von Niculan, zündete. Ewige Liebe erlischt nicht.

Urs Augstburger packt viele Themen in seinen Roman, der einige Krimi-Essenzen hat, aber kein Krimi ist, dafür eine Liebeserklärung an den selbstlosen, unabhängigen Tüftlergeist und pionierhafte technische Erfindungen (Hybridmotor, Polaroidkamera, Hochwassersystem), die Lust am Entdecken (Strahlen von Mineralien), die gefährlich schöne Urkraft der natürlichen Umwelt (Schnee- und Eissturm im Juni) und unvergessliche Songs wie «A Whiter Shade Of Pale». Das sind die stärksten Stellen in Urs Augstburgers Bergroman, der zwar zwischendurch etwas langatmig ist, aber leicht zu lesen und mit starken szenischen Dialogen wie aus dem realen Leben gegriffen.

Anna Wegelin

Urs Augstburger "Das Dorf der Nichtschwimmer"

Urs Augstburger "Das Dorf der Nichtschwimmer"

Zvg / zvtg