Von Liebe und Tod

«Noch einmal die Stimme erheben – weit über uns hinaus»: Die posthum veröffentlichten Gedichte von Jürg Amann sind mal dunkel im Grundton, mal ergreifend liebevoll.

Rainer Stöckli
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Jürg Amann Schweizer Autor (1947–2013) (Bild: ky)

Jürg Amann Schweizer Autor (1947–2013) (Bild: ky)

Kann es Büchern je «gründlich die Sprache verschlagen», wie es Ulrich Horstmann formulierte? Doch wohl weniger den Büchern, vielmehr, wann es Zeit sei, den Autoren. Im Mai vergangenen Jahres ist in Zürich der Schriftsteller Jürg Amann verstorben, 66jährig. Eins seiner spätesten Gedichte deutet einen Traum an, worin ein Ich sich verirrt. Einen Rückweg habe der Schläfer nicht mehr gefunden: kein Zurück mehr «zu den offenen Augen», die jemand ihm zugedrückt habe. Von heute aus möchte man folgern, die fünf Zeilen redeten die Wahrheit. Amanns Traumgedicht ist ein Nachgedicht geworden, soeben unter dem Titel «Lebenslang Vogelzug» erschienen.

Ulrich Horstmanns schmale Gedichtsammlung von 1980 trägt die zeitlosen Titel und Untertitel «Nachgedichte. Miniaturen aus der Menschenleere». Auf die posthume Ausgabe der Lyrik Amanns passen alle drei Etikettierungen: Sie sind alle Nachgedichte, teils Miniaturen, und in der Menschenleere, für Amann jetzt vielleicht zu variieren mit «Weltleere».

«Lebenslang Vogelzug» vereint oftmals anrührende, weil abschiedsselige oder liebesinnige Gedichte – das Buch ist seiner Frau Anna Kurth gewidmet; daneben Erinnerungen, Stillleben, Jahreszeiten, dann und wann eine Frage. Ob sie uns meine, die Welt, uns Zeitweilige? Ob die Liebe, so sie gelingt, uns gehöre? Ob der Tod von aussen herzutrete oder von innen, aus uns selber stamme…

Dunkle Tonlage

Ist es bei solcherlei Fragen verwunderlich, dass in manchem Gedicht der Vokal «u» vorherrscht? «Aus Traumfurchen / wächst dunkel die Frucht.» Solcherart düster grundierter Gesang in Nachbarschaft zu Luft, Ruf, Wunsch, Gruft, Suche…

Eine andere Sprachgeste ist diejenige des Weisst-du-Noch. Ein früher Morgen am Rand eines Meers muss unvergessen sein, desgleichen ein rotes Haus an einem See mit Booten, prägnant auch ein Berliner Aufenthalt zur Zeit des Mauerbruchs; ebenfalls lokalisierbar ein paar Frühlingstage auf Kreta und die Kontur des bewaldeten Hügelzugs am Rossberg über Goldau und dem Ägerisee. Ergreifend wirkt die Erinnerungsrede dort, wo die Texte ans Du, an die geliebte Frau sich wenden, «weisst du noch / in Venedig», oder wo Wünsche intensiv werden – eindringlich wie Beschwörungen, weil's definitiv nicht mehr darum gehen kann, die Haut zu retten, nur noch darum, einander zu halten, solange Puls und Atem ihren Dienst tun.

Mass nehmend an Amanns nahezu dreissig Büchern mit Erzählprosa, muss man sein lyrisches Werk schmal nennen. Weit zurück liegt der Versuch, Variationen auf das alttestamentliche Hohelied zu schreiben. Zwei Texte sind im Nachlassband vorgelegt, möglicherweise nachgetragen. Beide sind A. gewidmet, im Ton hymnisch, lockend, versprecherisch, ja unverhohlen fordernd – und mal direkt, mal mittelbar Preisung der Geliebten.

Ob diese Variationen in den Kontext der fünf Bände «Nachdichtungen» von 1987 gehören, erfährt man nicht. Auch die Texte in memoriam Hölderlins, des Nobelpreisträgers Seferis, der Südtirolerin Anita Pichler sind weder zeitlich noch werkgeschichtlich eingeordnet.

Wem das Sagen der Liebe und das Verabschieden vom Leben zu wenig bunt vorkämen, kann sich ans rhetorisch überinstrumentierte Gedicht vom Engelssturz in einer venezianischen Kirche halten oder die zwanzig Jahre alte Gedichtpartitur «Und über die Liebe wäre wieder zu sprechen» erneut einsehen.

Jürg Amann: Lebenslang Vogelzug. Gedichte, Haymon 2014, 70 S., Fr. 26

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