Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Von Donner-Dub zu süssestem Depro

«Overgrown» heisst das zweite Album des jungen Engländers James Blake. Es beginnt schwächlich, näselnd, unentschieden. Dann weht die Musik, wohin sie auch will.
Albert Kuhn
schnitt -

schnitt -

Es war einmal eine Zeit, da hantierte auch James Blake mit der Sorte von brustkorbzerschmetternden Sub-Bass-Orgien der 90er- und Nuller-Jahre. Blake war noch ein Teenager, als Dubstep die Keller und leeren Warenhäuser von Croydon erschütterte. Der grösste Stadtteil von London, im Süden gelegen, geplant für billigen Wohnraum – sieben Jahre später in Bürolandschaften umgewandelt, Startschuss für die britische Wohnungskrise. Thanks Maggie Thatcher und Kumpanen. Depro.

Geburtsstätte des Dubstep

In Südlondon also wurde Dubstep erfunden. In den späten 90er- Jahren entwickelten sich fast parallel die Erfindungen 2-Step Garage, Broken Beat, Drum'n'Bass und Dub Reggae – die letztlich alle auf die jamaikanischen Soundsystems zurückweisen. Diese mächtigen Bässe, diese Tieftonfrequenzen. Als wollten die Tanzenden mittels «Hitchhikers Guide to the Galaxy» in die noch tieferen, noch galaktischeren Basslautsprecher eintauchen, um Teil einer Jugendbewegung zu sein.

Bebende Kopfstimme

Ebenso depressiv – aber ganz anders – beginnt James Blakes zweites Album: schwächlich, näselnd, unentschieden. Man wird kurz an Xavier Naidoo erinnert – noch mehr aber an Burial, den obskuren Produzenten, der von 2006 bis 2008 die Südlondoner Nächte mit Dubstep und Ambient beschallte. James Blake, geboren 1989, steht in dieser Tradition. Die Stimme dominiert zwar – aber sie ist keineswegs kräftig.

Das Album arbeitet mit Pianoklängen, raffiniert perkussiven Geräuschen und Blakes Stimme in wechselnden Räumen. Zu einem fragenden Piano-Akkord gesellt sich eine bebende Kopfstimme, fast dauernd von einem Auto-Tune begleitet. Der Audio-Prozessor spielt bei der leichtesten Ungenauigkeit den nächstliegenden Halbton. Das bedeutet: Die Stimme wird bei jeder nicht perfekten Tonhöhe nach oben oder nach unten gezogen, was der Sänger nicht oder nicht ganz in der Hand hat. Damit erhält die Stimme einen roboterhaften Klang.

Wie lange überlebt Musik?

«Overgrown», Titeltrack des neuen Albums, handelt von einem Gespräch mit Joni Mitchell (1943) über Vergänglichkeit. Wie lange überlebt Musik, wie schnell wird sie verdrängt, begraben, überwuchert – overgrown?

Man hat's nicht in der Hand. Die Musik weht, wohin wo sie will. Von einer zufälligen Pfeifmelodie auf den Kassettenrekorder im Küchentisch-Studio, auf kopierte CDs via iPods, iPads und iPhones auf Klingeltönen, als Inspiration für Werbemusik, von da zur tragenden Melodie einer Symphonie – und als Gymnastikmusik. Und alles dank einer kurzen Begegnung mit Joni Mitchell. Blake flog heim und dachte: «Ich will kein Star werden, sondern ein Stein am Ufer. Oder ein einsamer Türrahmen im Krieg.»

Erinnern wir uns noch einmal an James Blakes Anfänge. In einem achtmonatigen Wirbelsturm in Richtung Thron wurde der 21jährige Produzent mit Dubstep Ninja, Brit School Pseudo, High Priest Cerebral und modernen Pop gelabelt – und dies in einem Atemzug. Der Schlaumeier wurde als der neue Joy Orbison, als neuer Burial und auch als die neuen The XX bezeichnet.

Eine Wundertüte

James Blake machte sich darüber lustig und meinte, The XX würden für ihn «bloss den Sitz warm behalten». Gemeint ist: All diese Konkurrenten würden ihm bloss den Raum offenhalten, bis er, James Blake, den Thron einnehmen würde. Zu stolze Worte? Nein. Blake ist eine zu grosse Wundertüte. Er hat's verdient.

James Blake: Overgrown. Polydor (Universal)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.