Von der Würde, damit zu leben

Was als Maturaarbeit eines 18-Jährigen begonnen hat, erlebt nun einen schweizweiten Kinostart. Der beeindruckende Film «Multiple Schicksale – vom Kampf um den eigenen Körper» des Thurgauers Jann Kessler macht eine erstaunliche Karriere.

Andreas Stock
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Schöne Bildidee für den Film: Mit Bernadette beim Einkaufen. (Bild: pd)

Schöne Bildidee für den Film: Mit Bernadette beim Einkaufen. (Bild: pd)

Graziella, Rainer, Melanie, Bernadette, Oliver, Luana. Sechs Namen, sechs Schicksale von Menschen, die in verschiedenen Stadien an Multiple Sklerose (MS) leiden. Die chronische, unheilbare Krankheit überrumpelt die Betroffenen in Schüben, die ihnen zunehmend ein eigenständiges Leben verunmöglichen.

An den Filmtagen Solothurn

Dass sich der Thurgauer Kantischüler Jann Kessler für die Krankheit interessierte und sie zum Thema seiner Maturaarbeit machte, hatte persönliche Gründe. Seine Mutter leidet seit vielen Jahren an MS. Im Pflegeheim mehr oder weniger ans Bett gefesselt, nicht mehr in der Lage zu kommunizieren, war sie seine Motivation, sich mit MS-Betroffenen zu beschäftigten.

Der Film brachte Jann Kessler den Jugendpreis «Think Tank Thurgau» ein und nach ersten öffentlichen Vorführungen in Frauenfeld so viel Aufmerksamkeit, dass der Jungfilmer nach weiteren Vorführungen sein Werk mit professioneller Hilfe nochmals überarbeitet hat – und dann wurde er an die diesjährigen Solothurner Filmtage eingeladen, wo «Multiple Schicksale» sogar einen Verleih fand, der den Film schweizweit in die Kinos bringt.

Zeichen grossen Vertrauens

So erstaunlich die Karriere des kleinen Films, so wenig überraschend ist das grosse, positive Echo, auf das Kessler stösst. Mit Einfühlungsvermögen nähert er sich den Menschen, beobachtet er ihren von kleinen und grösseren Hindernissen geprägten Alltag. Ausführlich lässt er sie über die Krankheit erzählen und ihre Weise, damit umzugehen. Auch Familie und Angehörige kommen zu Wort. Die Gespräche sind von grossem Vertrauen geprägt, wenn sich die Betroffenen über ihre Gefühle, den Krankheitsverlauf, über Suizid und Freitod äussern. Konsequenterweise bleibt Kessler auch dabei, als sich Rainer entscheidet, «die Türe vom Diesseits ins Jenseits» selbst aufzustossen.

Hesse als poetischer Faden

Jann Kessler, der während der Dreharbeiten zugleich Kameramann, Gesprächspartner, Regisseur und Tonmeister war, musste darob eine einfache, direkte Erzählweise wählen, was freilich seinen inszenatorischen Spielraum hemmt. Trotzdem gelingen ihm schöne Bildideen. So, wenn er eine Kamera an den Elektro-Rollator von Bernadette montiert und die erfrischend bewegte Perspektive die oft statischen Gesprächsszenen belebt. Ruhemomente zwischen den Gesprächen schafft Kessler, indem er seine Reisen zu den Menschen in Aufnahmen seiner Zugfahrten durch die Schweiz illustriert.

Und anrührend die eigene Geschichte und Beziehung zur kranken Mutter, geschildert in einem ruhigen Off-Kommentar. Weil er ihr am Krankenbett Hermann Hesse vorliest, wird dessen Erzählung um das weltliche, geistige und sinnliche Leben zu einer Art poetischem Faden durch diesen aufrichtigen Film, der viele Fragen aufwirft. Zum Beispiel, was ein Leben in Würde ausmacht und wie sich diese Würde im Angesicht einer gravierenden Krankheit aufrechterhalten lässt. Fragen, die jeder für sich selber beantworten soll.

Ab morgen im Luna, Frauenfeld, weitere Kinos in der Region folgen.