Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Von der Wand in den Mund

Eine Tagung in Winterthur diskutiert über Fluchtgut – Kunstwerke also, die Flüchtende selbst ins Exil brachten. Sollen auch da die Erben entschädigt werden? Die Frage ist heiss umstritten.
Valeria Heintges

Nach dem Vortrag von Esther Tisa Francini schien die Sache geklärt zu sein. «Bei Fluchtgut handelt es sich um Kulturgüter, die von den (jüdischen) Eigentümern selbst in oder über die Schweiz ins Exil verbracht wurden», erklärte die Leiterin der Provenienzforschung und des Archivs im Museum Rietberg Zürich im ersten Vortrag der Konferenz: «Fluchtgut. Geschichte, Recht und Moral», die am Donnerstag im Museum Oskar Reinhart in Winterthur stattfand.

Eingewilligt in den Verkauf…

Im Gegensatz zu Raubkunst haben die Eigentümer in den Verkauf von Fluchtgut eingestimmt. Tisa Francini plädiert daher für ein klares Abgrenzen: Fluchtgut wird nicht zurückgegeben, Erben nicht entschädigt.

Ihr Vorredner sah die Sache ähnlich. Dabei kam Marc Fehlmann als Direktor des Museums Oskar Reinhart die Gastgeberrolle und die des Begrüssungsredners zu. Wie wichtig ihm die Fluchtgutfrage ist, zeigte seine Bemerkung, dass ein Drittel der Exponate in der laufenden Max-Liebermann-Ausstellung des Museums als Fluchtgut einzuschätzen sei.

Kein Problem also? Mitnichten. Das wurde in der anschliessenden Diskussion deutlich. Rechtsanwalt Olaf Ossmann warf Tisa Francini vor, als Historikerin juristische Kriterien unpassend anzuwenden. Auch Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundesverfassungsgerichtes und Vorsitzende der deutschen Beratenden Kommission zur Rückgabe verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, wies den Vorwurf Tisa Francinis zurück, die Kommission halte der Öffentlichkeit Informationen vor.

Auch die Historikerin Monika Tatzkow setzte im zweiten Vortrag ein kräftiges Fragezeichen an den starren Grundsatz «Fluchtgut wird nicht restituiert». Tatzkow leitet einen wissenschaftlichen Dokumentationsdienst für offene Vermögensfragen, forschte zum «Schweizer Gold» und seit 1998 zum Thema Raubkunst. Am Beispiel des Kunstsammlers Carl Sachs zeigte sie, dass starre Regeln für Juristen wünschenswert sein mögen, um praktikabel mit entsprechenden Fällen umgehen zu können. Der Realität aber halten sie nicht stand.

…aber unter Zwang

Carl Sachs, so führte Tatzkow aus, hatte in Breslau eine beachtliche Sammlung von Werken französischer und deutscher Meister, die der Kunsthistoriker Karl Scheffler als «geistiges Menschheitsgut» rühmte. Es gelang ihm, 22 wertvolle Werke in die Schweiz ins Kunsthaus Zürich zu retten, bevor er selbst emigrieren musste und aufgrund der Einreisebestimmungen mit 10 Reichsmark für ihn und seine Frau täglich auskommen musste. Die Einreisegenehmigung hatte er nur erhalten, weil er seine Kunstwerke in der Schweiz mit Krediten belegte. «Kurze Zeit später begann der Kunstverkauf, denn Carl und Margarete Sachs waren gezwungen, – wie es heisst – <von der Wand in den Mund> zu leben», sagt Tatzkow. Diese Verkäufe aber seien nicht «ganz normale Verkaufsgeschäfte», sondern würden ebenfalls der Washingtoner und der Theresienstädter Erklärung unterliegen, die den Umgang mit Raubkunst regeln.

Sie plädiere, so Tatzkow, für eine Praxis, die vom jüdischen Schicksal ausgehe und versuche, dem gerecht zu werden. Das Problem sei, so Anwalt Ossmann, dass dem Erben als Kläger ein Museum gegenüberstehe, das Angeklagter, aber nicht Schuldiger sei. Der Schuldige sei heute aber nicht mehr justiziabel. Es müssen wohl noch einige Konferenzen stattfinden, ehe die Frage geklärt ist. Da wenigstens unterscheidet sich das Fluchtgut nicht von der Raubkunst.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.