Von der Türkei bis Shanghai

Martin Dreyfus ist der «Büchermensch des Jahres 2014». Der Büchersammler und Ausbildner, Antiquar und Leiter literarischer Spaziergänge besitzt die grösste Schweizer Sammlung von Exilliteratur 1933 bis 1950.

Michael Guggenheimer
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Ein Leben mit Büchern und für Bücher: Martin Dreyfus in seiner Bibliothek mit der Auszeichnung zum «Büchermensch des Jahres 2014», einer Bücherstütze aus Metall. (Bild: Michael Guggenheimer)

Ein Leben mit Büchern und für Bücher: Martin Dreyfus in seiner Bibliothek mit der Auszeichnung zum «Büchermensch des Jahres 2014», einer Bücherstütze aus Metall. (Bild: Michael Guggenheimer)

Buchhändler und Verleger, Büchersammler und Ausbildner, Antiquar, Leiter literarischer Reisen und Spaziergänge, Herausgeber und Autor: Martin Dreyfus' Leben ist voll von Büchern.

Zum «Büchermensch des Jahres» wurde er ernannt. Ernannt haben ihn die neun Mitglieder des Zentralvorstands des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV). Während die Buchhandlung des Jahres und der Verlag des Jahres je 5000 Franken als Preissumme erhalten haben, bestand sein Preis aus einer Bücherstütze aus Metall, in der sein Name und sein neuer Titel eingraviert sind. Zur Preisverleihung gab es eine Laudatio, Verpflichtungen entstehen dem «Büchermenschen des Jahres» keine.

Dreyfus ist der fünfte «Büchermensch des Jahres». Ein Verleger, eine Literaturvermittlerin, ein Bibliothekar und ein Diplomat waren seine Vorgänger. Martin Dreyfus ist kein Diplomat. Er war Buchhändler und Verleger, er ist Literaturvermittler. Und er nennt eine grosse und einzigartige private Bibliothek sein eigen. Er ist all das und noch viel mehr. Doch der Reihe nach.

St. Gallen und Frauenfeld

Nach einer Lehre als Buchhändler bei Robert Krauthammer in Zürich, einem Volontariat beim Buchzentrum in Olten und der Tätigkeit als Buchhändler bei Orell Füssli in Zürich übernimmt er die Leitung des Taschenbuchladens der Fehr'schen Buchhandlung im St. Galler Neumarkt, führt anschliessend die Buchhandlung Balmer in Zug, wechselt ins Verlagswesen zu Huber nach Frauenfeld, arbeitet im Verlag von Egon Ammann, um später während neun Jahren beim Zürcher Pendo Verlag zu arbeiten, bevor er für die Dauer von zwei Jahren in einem Antiquariat eine Teilzeitstelle annimmt.

Bücher, Bücher, Bücher

Bücher prägen seinen Alltag aber auch sonst. Als Ausbildner an den Buchhandelsschulen in Winterthur und Luzern und als Leiter von literarischen Tramfahrten und Spaziergängen durch Zürich. Seit zehn Jahren führt er Literaturbegeisterte durch Städte und Landschaften: Prag, Dresden, Triest, Riga, das Engadin, das Bergell, Ascona und der Monte Verità, Meran und Bozen stehen auf dem Programm dieser Reisen, bei denen er jeweils Texte vorstellt und an Schauplätze der Literatur führt. Die Biographien und Ausschnitte aus Werken von Autoren wie Thomas Mann, Kafka, Rilke oder Elias Canetti, Italo Svevo, James Joyce oder Erich Kästner werden an ihren Wirkungsorten vorgestellt. Aber der literarische Guide weist besonders auf weniger bekannte Autoren hin, die im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten sind, zu ihren Lebzeiten aber wichtig waren.

Führungen über Literatur

Führungen durch Literaturausstellungen im Museum Strauhof und in der Zentralbibliothek in Zürich gehören ebenso zu seinen Beschäftigungen mit Literatur wie Vorträge über Verlage und Autoren. Zudem umgeben ihn in seinem Alltag Bücher, Bücher und nochmals Bücher. Allein etwa 30 000 zur Exilliteratur.

«Ich war schon immer ein Sammler», sagt Dreyfus. «In einer Schnitzelbank in Basel machte sich Jurist Ignaz Herzfeld lustig über mich als Kind, das leidenschaftlich sammelt. Noch vor Beginn der Lehre habe ich damit begonnen, gezielt zu sammeln. Schon früh waren es Bücher zur Geschichte des Dritten Reichs und der Judenverfolgung, die mich interessierten.»

Dreyfus, früher Präsident der Jüdisch Liberalen Gemeinde, sammelt Bücher, seit er 1969 in einem Basler Antiquariat, damals noch als Schüler, von seinem Taschengeld ein erstes besonderes Buch für 45 Franken erwarb. Das legte den Grundstock für seine Sammlung. Es hiess «Der gelbe Stern», wurde 1936 (!) in Paris verlegt und befasste sich mit der Ausgrenzung der Juden im Dritten Reich.

Exilliteratur der Jahre 1933 bis 1950 in Originalausgaben bildet das Kerngebiet seiner Sammlung, die in einem Gewerberaum in Thalwil steht und heute schweizweit einzigartig ist. Weitere Bücherräume sind in Kilchberg und in Basel. Dreyfus befasst sich mit der Türkei als Zufluchtsort von Künstlern und Wissenschaftern im Zweiten Weltkrieg genauso wie mit Shanghai und Lateinamerika, wohin deutsche und österreichische Autoren, Verleger und Buchhändler geflohen sind.

Martin Dreyfus' Bücherwelt ist seit 1969 stark gewachsen. Immer wieder melden sich bei ihm Leute an, die über Exilliteratur forschen. Katalogisiert ist sein grosser Bücherbestand nicht. Ein Experte, der sich mit dem Bibliothekswesen in St. Gallen befasste, hat ausgerechnet, dass man eine Fachperson anstellen müsste, die drei «Mannjahre» bräuchte, um den Bestand der Privatbibliothek aufzunehmen. Dass Martin Dreyfus die Übersicht über sein Bücherreich auch ohne Katalog hat, erlebt, wer ihn in seinen Bibliotheksräumen aufsucht. Man muss nur den Namen eines Verlags, eines Autors oder einer Stadt nennen und schon steht er auf, schreitet zielsicher zum Tablar, in dem die Bücher so wichtiger Exilverlage wie Allert de Lange und Querido in Amsterdam, Malik in London, Berman Fischer in Wien und Stockholm oder Dr. Oprecht in Zürich stehen. Nicht anders bei der Nennung von Namen von Exilautoren. Immer wieder veröffentlicht Martin Dreyfus Artikel über exilierte Autoren und über Verleger im Exil, sei es in Zeitschriften oder in Büchern.

Bücher zum Buchhandel

Ein zweites Thema bildet einen weiteren Grundstein von Martin Dreyfus' Bücherreich: Es ist die frühere Bibliothek des «Schweizerischen Buchhandlungsgehilfen- und Angestelltenvereins», der im Jahr 1920 mit dem Aufbau einer eigenen Bibliothek begonnen hat. Dieser Bestand, rund 6000 Exemplare, bekannt unter dem Namen «Bibliothek des Schweizer Buchhandels», reicht thematisch von der Schaufenstergestaltung von Buchhandlungen bis hin zur Verlagsgeschichte. In den 1970er-Jahren wurde die Bibliothek nach der Schliessung der Luzerner Buchhandelsschule zunächst heimatlos, Martin Dreyfus gewährte ihr Asylrecht in seinem Bücherreich.

39 000 Bücher, zwei Themen

Dazu kommen rund 3000 Bücher des früheren Artemis-Verlegers Bruno Mariacher zum Thema «Buch und Buchhandel» stehen hier. Damit herrscht der «Büchermensch des Jahres 2014» über ein Reich von 39 000 Werken. SBVV-Präsidentin Marianne Sax sagte zur Vergabe des Preises: «Nachdem wir die <Bibliothek des Schweizer Buchhandels> und auch noch die kostbare Büchersammlung besichtigen durften, war allen klar: Hier wirkt ein Bibliophiler alter Schule.»

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