Regisseur Alexander Giesche: «Ich hoffe, dass dieser Zustand der Isolation sich nicht zu einer Kontaktscham verfestigt»

Seine Max-Frisch-Inszenierung wäre als einziger Beitrag aus der Schweiz ans Berliner Theatertreffen geladen gewesen. Jetzt sitzt der Regisseur Alexander Giesche wegen Corona in Zürich fest und fühlt sich von seinen eigenen Inszenierungsbildern eingeholt. Ein Porträt.

Julia Stephan
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Karin Pfammatter und Maximilian Reichert in Giesches Max-Frisch-Inszenierung «Der Mensch erscheint im Holozän» auf der Zürcher Pfauenbühne: den Ausnahmezustand schon vor Corona geprobt.

Karin Pfammatter und Maximilian Reichert in Giesches Max-Frisch-Inszenierung «Der Mensch erscheint im Holozän» auf der Zürcher Pfauenbühne: den Ausnahmezustand schon vor Corona geprobt.  

Bild: Eike Walkenhorst 

Das Tessiner Tal ist abgeschnitten, die Menschen sind isoliert. Der Boden, die Gewissheiten über die Welt, sie geben erdrutschartig nach in der Max-­Frisch-Erzählung «Der Mensch erscheint im Holozän» von 1979. Nein, der Rentner Herr Geiser wird dieses Tessiner Tal nicht mehr verlassen, so viel steht fest. Und so, wie der deutsche Regisseur Alexander Giesche diesen Herrn Geiser Ende Januar auf der Zürcher Pfauenbühne präsentiert hatte, wird er im Mai auch nicht nach Berlin ans Theatertreffen reisen dürfen. Zu der inzwischen abgesagten Nabelschau des deutschsprachigen Theaters war Giesches unaufgeregter und ästhetisch präziser Theaterabend eingeladen gewesen.

Chiffren einer Endzeitlichkeit

Inmitten der Coronakrise wird der Hausregisseur des Schauspielhauses Zürich, der mit einem ausgeprägten Bauchgefühl der Welt schon so manches poetische Bild abgerungen hat, von der Realität überholt. Die Szenen mit tanzenden Krankenbetten, in Pflegehemden steckenden Schauspielern und einem toten Dinosaurier aus seiner Max-Frisch-Inszenierung liest man als Zuschauer als Chiff­ren einer Endzeitlichkeit und kollektiven Vereinsamung, der wir nie näher gewesen sind als heute. «Es sind Hänge gerutscht. Erst in China, später in Italien, dann im Tessin, aber es waren immer Berge dazwischen. Jetzt ist es anders», erzählt Giesche, 37, am Telefon aus seiner Zürcher Wohnung. Sein Partner behandelt als Pflegefachkraft derzeit in einer Klinik Coronapatienten. «Ich sass schon bei der Premiere meines ‹Holozän› im Januar hustend und mit Atemnot im Zuschauerraum und hoffe jetzt einfach, dass wir das Virus schon bewältigt haben. Sonst würde ich mir pausenlos um meinen Partner Sorgen machen», erzählt er.

Alexander Giesche, 37, arbeitet gerne aus dem Bauch heraus.

Alexander Giesche, 37, arbeitet gerne aus dem Bauch heraus. 

Bild: Schauspielhaus Zürich
«Es sind Hänge gerutscht. Erst in China, später in Italien, dann im Tessin, aber es waren immer Berge dazwischen. Jetzt ist es anders.»
Alexander Giesche, Regisseur

Nicht zum ersten Mal hat der deutsche Regisseur den Lauf der Geschichte erspürt. 2017 durfte er am Luzerner Theater mit der Arbeit «White out» seine bildstarken, assoziativen und mit hohem technischem Aufwand erzeugten Bilderreigen nach Ausflügen auf Studiobühnen und Theaternebenspielstätten erstmals im Guckkasten eines Stadttheaters testen. Zweieinhalb Minuten trennten uns darin vom Ende der Welt. Giesche dehnte die Zeit, aus wenigen Minuten wurde eine Ewigkeit. Die Darsteller betätigten Survival-­Gadgets, verbargen sich in Ganzkörperanzügen, die den Coronaschutzkleidern von heute ziemlich ähnlich sahen. Ein Schauspieler rezitierte die vom deutschen Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfohlene Lebensmittelliste für den hauseigenen Notvorrat. «Ich hätte doch nie gedacht, dass wir mal Lebensmittel hamstern würden», so Giesche. «Ich weigere mich heute noch, eine zweite Packung Nudeln zu kaufen.»

Anonyme Voyeure

Bei seinem 64-stündigen Happening «New Beginnings», 2018 aufgeführt an den Münchner Kammerspielen, konnte man als Zuschauer in einer von zwölf um eine Drehbühne angeordneten Kabinen an einer Art Peepshow teilnehmen. Für Giesche besitzt der Lockdown eine ähnliche Logik wie die Peepshow: Das Geschehen in der Welt betrachten wir nur noch aus der eigenen Behausung ­her­aus, anonymisiert übers Internet.

Giesche, den die Solidarität auch künstlerisch umtreibt, machen die sich aktiv aus dem Weg gehenden Menschen im Supermarkt Sorgen. «Ich hoffe, dass dieser Zustand der Isolation sich nicht zu einer Kontaktscham verfestigt. Egoismus und Isolation sind ja eigentlich die Krankheiten unserer Gesellschaft.»

Die Kälte der digitalen Gesellschaft und ihre Technikvernarrtheit, aber auch kühne Zukunftsvisionen treiben Giesche an. «Ich verknüpfe meine Weltbeobachtungen gern mit physikalischen Phänomenen, weil das Poesie schafft.» Er arbeitet ähnlich wie ein Olafur Eliasson mit Wind, Nebel- und Lichteffekten. Er kreiert Stimmungen mit Maschinen, sogenannte Visual Poems. Als Zuschauer ist man im Loop gefangen, denn das Zyklische interessiert den Regisseur mehr als die zielgerichtete Narration.

Wer an einem Giesche-­Abend mit dem Kopf verstehen will, ist verloren: kaum Text, keine klare Ansage, kein Halt. «Ich versuche mich weit zurückzunehmen, mehr Fragen zu stellen, als Antworten zu geben», sagt er. Theater seien für ihn – neben der After-Hour im Technoclub – die letzten Kirchen der Gegenwart. Hier könne man innehalten, sich zurücklehnen. Auch deshalb könne man ein Theaterereignis unmöglich durch einen Livestream ersetzen, wie gerade überall gefordert werde.

Tanzende WC-Rollen

Dieser Tage kursiert das Video einer älteren Performance von Giesche in den sozialen Medien. Eine Rolle WC-Papier, das Gold von heute, tanzt da in der Hand der Performerin Lisa Guth im Sog der um sie herum aufgestellten Ventilatoren. Ursprünglich hatte die Performance im Foyer eines Softwarekonzerns die vorbeigehenden Programmierer aus ihrem Alltagstrott gerissen. «Wir suchten nach einem Objekt, das gut fliegt, dem man sonst keine grosse Aufmerksamkeit schenkt und das eine besondere Poesie hat», so Giesche.

Am liebsten würde er diese WC-Rolle auf der Pfauenbühne tanzen lassen, vor dem leeren Zuschauerraum. Bis der Ausnahmezustand ein Ende hat. Und WC-Papier wieder zur reinen Nebensache geworden ist.