Von den Schatten erdrückt: Das St.Galler Panorama Dance Theater zeigt beklemmende Co-Produktion

Depression und der überfordernde Umgang mit ihr: Der internationalen Co-Produktion um das St.Galler Panorama Dance Theater gelingt es, diese sperrigen Themen in einem Tanztheater-Schauspielabend zu verhandeln. 

Julia Nehmiz
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Die Frau (Brigitte Walk) leidet unter ihrer Depression, und mit ihr das ganze Umfeld. (Bild: Mark Mosmann)

Die Frau (Brigitte Walk) leidet unter ihrer Depression, und mit ihr das ganze Umfeld. (Bild: Mark Mosmann)

Wie Schneeflocken wirbeln die Lichtflecken über die Plastikvorhänge. Vogelgezwitscher erklingt. Doch die Idylle trügt. Das Paar, das sich tänzerisch liebkost, ist zugleich unheimlich. «Dein Schatten folgt dir», sagt die Tänzerin. «Du stehst, du gehst auf deinem Schatten. Er trägt dich.» Bis man dann vom eigenen Schatten überholt wird und er verschwindet. Doch die Schatten auf der Bühne verschwinden nicht. Im Gegenteil, sie werden immer grösser, übermächtiger.

«Schatten» heisst das Stück, das am 23. Oktober in der Grabenhalle St.Galler Premiere feierte. Die länderübergreifende Produktion war bereits im März in Feldkirch zu sehen gewesen. Produziert vom Vorarlberger Walktanztheater, Westbahntheater Innsbruck, Kulturverein Tanzschmiede / Fucinadanza aus Meran und dem St.Galler Panorama Dance Theater, wird der Abend auch in den drei Ländern aufgeführt. 

Einen Ausweg gibt es nicht

Die Südtiroler Autorin Brigitte Knapp erzählt in Schatten vom Horror der Depression. Doch nicht die kranke Frau (mit grosser Einfühlsamkeit: die Vorarlberger Schauspielerin Brigitte Walk) steht im Mittelpunkt, nicht ihre Leidensgeschichte wird aufgerollt, sondern die ihres Umfelds. Unter der Depression der Frau leiden vor allem ihr Bruder, und somit auch dessen Frau. Dass dann noch ein Psychiater leidet, weil die Patientin sich in ihn verliebt und er sich in deren Schwägerin, führt ein bisschen weit. 

Jeder kämpft mit sich und seinen Schatten. (Bild: Mark Mosmann)

Jeder kämpft mit sich und seinen Schatten. (Bild: Mark Mosmann)

Der St.Galler Regisseurin Katja Langenbach gelingt eine stringente Umsetzung. In klaren Bildern lässt sie ihre Darsteller und Tänzer ihr Innenleben verhandeln, zeigt, wie sie sich abstrampeln und doch nicht vorankommen, keine Lösung finden. Anstelle psychologisch-naturalistischen Spiels finden Spielerinnen und Tänzer körperliche Ausdrucksformen. Arme recken sich nach oben, als fände man in der Luft Halt, Füsse trampeln rastlos, wie leblos hängen Körper übereinander. Einen Ausweg gibt es nicht, alleingelassen kämpft jeder mit sich und seinen Schatten, taumelt haltlos durch die Welt. Bis einer vom Schatten erdrückt wird. 

Weitere Vorstellungen von «Schatten»: 24.10.2019 Grabenhalle St.Gallen, 25./26./27.10., 1./2./3.11. 2019 Westbahntheater Innsbruck, 8.11.2019 UFO Bruneck, 10.11.2019 Stadttheater Gries, Bozen 

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Julia Nehmiz

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