Von den Grossen lernen

Geschichten erzählt die 32jährige Thaïs Odermatt am liebsten in Dokumentarfilmen. An einem Workshop für Filmemacher am Zurich Film Festival erfährt sie, dass auch grosse Talente einmal klein angefangen haben.

Cathrin Michael
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Hat sich zuerst nicht getraut: Doch heute ist die 32jährige Thaïs Odermatt Dokumentarfilmerin. (Bild: pd/Mark Lawrence Malloy)

Hat sich zuerst nicht getraut: Doch heute ist die 32jährige Thaïs Odermatt Dokumentarfilmerin. (Bild: pd/Mark Lawrence Malloy)

Thaïs Odermatt blinzelt in die Sonne. Die junge Filmemacherin aus der Innerschweiz sieht sie in den letzten Tagen nicht oft. Sie nimmt an der Master Class am Zurich Film Festival teil, einem Workshop für junge Filmemacher. Entweder hört sie Menschen zu, die über das Filmgeschäft referieren, oder sitzt im Kinosessel. Nun steht Thaïs Odermatt draussen. Sie gähnt und sagt: «Einen Agenten, den hätte ich auch gerne.»

Der Ire David Flynn ist so einer. In seinem Vortrag hat er davon erzählt, wie er Regisseure in der ganzen Welt vertritt und für sie spannende Projekte aussucht. Einer davon ist Daniel Espinosa, ein Regisseur, der am Festival nicht nur seinen Film zeigt, sondern am selben Vormittag auch von seinem Beruf erzählt. «Als ich am dänischen Filminstitut studierte, fragte ich einen jungen Typen, ob ich mit ihm mitfahren könne.» «Keine Zeit», habe dieser gemurmelt. Espinosa blieb hartnäckig. «Komm schon, Du wirst mich doch wohl ein Stück mitnehmen können?» Als sie im Auto sassen, erfuhr Espinosa den Namen seines Chauffeurs. Es war kein Mitstudent, sondern ein Regisseur – und damals sein grösstes Vorbild. «Als er mich absetzte, dachte ich nur: <Scheisse, wie peinlich!>»

Die Master-Class-Teilnehmer im Kurssaal lachen. «Es ist lustig, solche Geschichten zu hören», sagt Thaïs Odermatt. «Und trotzdem, irgendwie leben die meisten Referenten in einer anderen Welt.»

Film über Retter des Sessellifts

Espinosa hat soeben «Safe House» mit Denzel Washington und Ryan Reynolds gedreht – Thaïs Odermatt hat einen Dokumentarfilm über einen idealistischen Mann in Nidwalden gemacht, der einen Sessellift vor dem Abbruch rettete. «Mit meiner Familie war ich oft da, als ich noch klein war.» Dann sei der Sessellift lange nicht in Betrieb gewesen. «Kurt hat ihn gekauft. Heute fahren dort vor allem Freerider. Mich reizt es zu zeigen, wie zwei Welten aufeinanderprallen.» «Kurt und der Sessellift» läuft im November an den Kurzfilmtagen Winterthur.

Die Mägen der Kursteilnehmer knurren. Mittagspause. Bei einem Teller Spaghetti erzählt Thaïs Odermatt, dass sie das Lehrerseminar besucht hatte. Danach zog sie von Stans nach Schwamendingen, um als Primarlehrerin zu arbeiten. «Das Jahr dort war die Hölle», sagt sie. Filme machen wollte sie schon länger. «Aber ich habe es mir nie zugetraut.» Eine Cousine habe ihr die ersten Handgriffe gelehrt und gesagt: «Thaïs, nimm die Kamera in die Hand und filme.» Sie bestand die Prüfung für den Vorkurs und besuchte die Videoausbildung an der Hochschule Luzern. Ihr Abschlussfilm «Nid hei cho» wurde an vielen Festivals gezeigt und gewann Preise im In- und Ausland.

Im Wohnwagen durch Spanien

Nach dem Bachelor drehte sie zwei Jahre lang vor allem Auftragsarbeiten. Dann sagte sie sich: «Schluss jetzt. Ich will meine eigenen Geschichten verfilmen.» Für ihr aktuelles Projekt fuhr sie mit ihrem spanischen Freund, auch er Filmemacher, nach Spanien. Für das Projekt erhielten sie Unterstützung von einer Luzerner Stiftung: In Form eines Wohnwagens und einem Geldbetrag. «Mich interessieren Menschen und ihre Geschichten. Wenn ich einen Dokumentarfilm drehe, habe ich einen Grund, sie anzusprechen.» Zehn Wochen fuhren sie durch das Land und befragten Menschen, wie ihr Leben in der Wirtschaftskrise aussieht. «Obwohl Carlos der Spanier ist, habe meistens ich geredet, während er gefilmt hat.» Sie lacht. Als sei ihr das eben erst bewusst geworden.

Die beiden wohnen in Luzern, sie besitzt in der Stadt ein Atelier. Dort schneidet sie Filme, plant ihre Projekte. «Am Feierabend aber bin ich keine Regisseurin mehr.» Und was macht ein Filmemacher-Paar am Abend? «Freunde treffen, aber gerne auch solche, die nichts mit Film zu tun haben», sagt die 32-Jährige und lacht.

Nicht eingeschnappt sein

Eine dickere Haut, das wünscht sie sich für die Zukunft. Die Auseinandersetzungen mit anderen, die an ihren Filmen mitarbeiten, sei nicht einfach. «Ich darf nicht eingeschnappt sein, wenn jemand eine andere Idee hat.» Es gelinge ihr immer besser. «Das Gute am Filmemachen ist: Man muss nicht alles können.» Das Wichtigste sei, Vertrauen in die anderen Beteiligten zu haben. Das hat sie. Auch in sich selber. Sie will noch viele Geschichten verfilmen.