Von Curry und anderen Düften

In der Kellerbühne St. Gallen gastiert dieser Tage der Schauspieler Jaap Achterberg mit seiner szenischen Erzählung des Romans «Die Entdeckung der Currywurst». Eine feinsinnig interpretierte Liebes- und Zeitgeschichte.

Brigitte Schmid-Gugler
Drucken
Teilen
Jaap Achterberg gelingt in der Kellerbühne ein bilderreicher Abend mit wenigen, aber gut proportionierten mimischen Setzungen. (Bild: Michel Canonica)

Jaap Achterberg gelingt in der Kellerbühne ein bilderreicher Abend mit wenigen, aber gut proportionierten mimischen Setzungen. (Bild: Michel Canonica)

ST. GALLEN. Wenn nicht, wie vor wenigen Wochen im Kaufleutensaal in Zürich, der Autor persönlich, dann Jaap Achterberg. Der deutsche Schauspieler, hier in der Regie von Klaus Henner Russius, ist ein einfühlsamer Erzähler. Nach mehreren vorausgegangenen Gastspielen ist er nun mit Uwe Timms Erfolgsroman «Die Entdeckung der Currywurst» auf Tournée. Vor halbvollen Zuschauerreihen sitzt er, als sässe er bei sich zu Hause – oder dann bei Lena Brücker in der Küche – an einem Holztischchen.

Eineinhalb Stunden nimmt er sich Zeit für seine minimalistisch dramatisierte Erzählung; keine Notizen, kein Buch, nichts, ausser ab und zu ein Schluck Wasser aus einem tönernen Gefäss. Seine Erzählweise ist geprägt von Unmittelbarkeit, so, als staunte er selber immer wieder darüber, wie die Geschichte geht. Mit wenigen, doch gut proportionierten mimischen Setzungen und der modulierten Sprache gelingt ihm ein bilderreicher Abend.

Deserteur und Liebhaber

Der Erzähler in Uwe Timms Bestseller besucht in seiner Heimatstadt Hamburg die ehemalige Besitzerin einer Imbissbude, Lena Brücker. Früher lebte sie im gleichen Haus wie seine Tante, bei der er als Kind öfter zu Gast gewesen war. In der Zwischenzeit wohnt die Rentnerin in einem Altersheim. In mehreren Etappen lässt sich der Mann die Geschichte um die Entstehung der Currywurst – die sie erfunden haben will – von ihr erzählen.

Es geschah während der letzten Kriegstage, als Frau Brücker bei einem Kinobesuch Hermann Bremer kennenlernt. Einen jungen Bootsmann in Uniform, an dessen Revers sonderbarerweise ein silbernes Reiterabzeichen steckt. Dieses Abzeichen wird Frau Brücker später noch gute Dienste leisten. Doch erst gibt es einen Bombenalarm, man flieht in den Luftschutzkeller. Schliesslich nimmt die um die 40 Jahre alte Frau, deren Ehemann ebenfalls im Krieg ist, den jungen Mann zu sich nach Hause. Die beiden werden ein Liebespaar.

Schalk blitzt auf in der schlauen Alten, wenn sie vor dem Hintergrund der bitteren Kriegserfahrungen von ihrem Erfindungsgeist erzählt, der ihr hilft, den desertierten Liebhaber nicht auffliegen zu lassen und ihn möglichst lange bei sich behalten zu können. Auch dann noch, als der Krieg vorbei ist. Sie – Jaap Achterberg unterstreicht diese Szenen jeweils mit einer Art Marge-Simpson-Schnute – scheut sich nicht davor, dem Bootsmann Hermann Bremer die Kapitulation Deutschlands vorläufig zu verschweigen.

Frau und Kind

Erst als sie in der Zeitung von den Vernichtungslagern der Nazis liest, schäumt ihre Wut über – auch gegen Bremer. Gekleidet in den Anzug ihres abwesenden Gatten und unverbesserlichen Fremdgehers, verlässt er die Wohnung und kehrt nie mehr zurück. Dass er selber ebenfalls Frau und Kind hat, wollte er vor Lena Brücker geheim halten. Natürlich findet sie's heraus.

Der Verlust ihrer Anstellung in einer Volkskantine bringt sie auf die Idee mit dem Imbissstand. Aus Hermann Bremers Uniform schneidert sie sich ein veritables Verkaufskostüm. Und wieder helfen ihr Kreativität und Scharfsinn, aus ihrem Geschäftchen einen Erfolg zu wursten: Mit Tauschgeschäften gelingt es ihr, eine «stabile Gleichung» von Ausgaben und Einnahmen herzustellen; am Ende will's der Zufall, dass sie übers Currypulver stolpert. Der Kreis zu Uwe Timms eigener Geschichte schliesst sich mit dem Kürschner, der in der Folge eines Tausches jenes silbernen Abzeichens gegen Felle seinen Auftritt hat.

In der autobiographischen Erzählung «Am Beispiel meines Bruders» schildert der 1940 geborene Schriftsteller sein Leben mit seiner Familie, dem Vater, der Kürschner war, und seine eigenen Erfahrungen: Vor seinem Studium der Philosophie und Germanistik hatte er ebenfalls eine Ausbildung als Kürschner absolviert.

Fr/Sa, 22./23.5. 20 Uhr, Kellerbühne, St. Gallen. Zum 50-Jahr-Jubiläum gibt es eine Ermässigung von 50 Prozent.