Von Baum zu Baum am Leben bleiben

Die zeitgenössische Tänzerin und Choreographin Nelly Bütikofer wagt mit ihrer neuesten Produktion – und diesmal als Regisseurin – die Umsetzung der Novelle «Der Baron auf den Bäumen» des italienischen Schriftstellers Italo Calvino.

Brigitte Schmid-Gugler
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Johanna Schaubs rhythmischer Tanz über die Latten, Maris Egli am Schlagzeug in «Cosimo bleibt oben». (Bild: Christian Glaus)

Johanna Schaubs rhythmischer Tanz über die Latten, Maris Egli am Schlagzeug in «Cosimo bleibt oben». (Bild: Christian Glaus)

Ausgerechnet an diesen Überflieger, an diesen Empörten, an diesen Protestler will sie uns erinnern. An dieses Märchen vom Davonkommen. Wenn man nur hoch genug klettert. Wer stellte es sich nicht vor in diesen Tagen: aussteigen, alles einmal aus Distanz betrachten, am besten von oben. Italo Calvino schrieb 1957, zwei Jahre nachdem die Originalfassung erschienen war, die Kinderbuchversion.

Sie wurde zum Klassiker. Und genauso leichtfüssig, atmosphärisch, versehen mit all dem Tiefsinn und der Symbolkraft des Textes, bietet uns nun die Bühnenversion die szenischen und akustischen Bilder dazu. In Zürich uraufgeführt, wird «Cosimo bleibt oben» kommende Woche in der Lokremise zu sehen sein.

Nicht verführbar

Er war ein Bub aus aristokratischen Kreisen im Ligurien des 18. Jahrhunderts. Er hatte es satt, an der dekadent üppig gedeckten Tafel seiner Eltern zu sitzen und Schnecken zu essen. Eines Tages nahm er seinen Hut, seinen Kinderdegen und verschwand. Ab auf die Bäume. Cosimo wird die Erde nie mehr betreten, und sogar seinen letzten «Gang» in den Tod meistert er fliegend. Mit schlichten Mitteln hat die Gründerin des Ostschweizer Fasson-Theaters, die zuletzt in St. Gallen mit einer Performance zu Texten von Friederike Mayröcker zu Gaste war, die Geschichte umgesetzt.

Da liegen rohe Holzscheite neben Latten und Rohren, ein Platz ist ausgelegt mit dürrem Laub und Ästen. Am Rand dieses Settings stehen ein Cello, ein Schlagzeug, liegen Trommeln und sonstige Utensilien für Geräusche. Der Sprecher Horst Warning nimmt sein Büchlein, setzt sich auf sein hölzernes Bänklein und beginnt, aus der Sicht von Cosimos Bruder vorzulesen. Wenige Absätze nur, dann übernehmen die Cellistin Johanna Schaub und der Schlagzeuger Maris Egli die Szene. Visuell unterstützt von den Hemden, die alle drei tragen: ein Muster, das changiert zwischen einem digitalen Raster und Herbstlaub.

Die stimmgewaltige Johanna Schaub ahmt mit einem Jodel die schmerzerfüllten Rufe nach, ein Wehklagen, ein angstvolles Flehen hinauf zu den Bäumen: Die Mutter bangt um ihren Sohn. Cosimo ist unsichtbar, doch wir ahnen sein Leben in den Bäumen. Äste knarren, Laub raschelt, Winde heulen. Der Resonanzkörper des Saiteninstruments wird zum Sturm in den Blättern; Maris Egli mischt Klopf-, Klirr- und Scharrgeräusche darunter. Denn der erfinderische Cosimo richtet sich häuslich ein: Man bringt ihm, wonach er bittet. Er jagt und häutet, flicht und baut, liest, und wird, eigenwillig und selbstbestimmt wie er ist, am Ende gar berühmt.

Ein Selbstbestimmter

Man fühlt sich in diesen knapp eineinhalb Stunden Aufführungszeit mit den dazwischengelegten Erzählpassagen wie das Kind, das man war, als einem das Buch geschenkt worden ist. Nicht nur der Baumkletter-Träume wegen, die man als Mädchen gefälligst zu begraben hatte. Die Einbildungskraft genügte, sich diesen frechen Buben vorzustellen, der sich dem Leben erfolgreich widersetzt, das ihm vorgezeigt wird. Sich heraushält aus den für ihn vorgezeichneten Spielen von Macht und Besitz.

Nelly Bütikofer hat sich der Mittel bedient, die sie als Tänzerin virtuos beherrscht. Die Bilder entfalten sich in den Köpfen des Publikums, als wären's Seiten aus einem längst abgelegten und doch hochaktuellen Kinderbuch.

1./2.12., 20 Uhr, Lokremise St. Gallen