Von Angesicht zu Angesicht

Mit dem neuen Palace-Banner von Klaudia Schifferle fühlt die Erfreuliche Universität Erschütterungen und Untergründen auf den Zahn. Die Künstlerin reiht sich damit vorzüglich ein in eine illustre Reihe von Palace-Banner-Gestaltern.

Ursula Badrutt Schoch
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Das grosse Lalü Lalü von Klaudia Schifferle als neues Palace-Banner. (Bild: pd)

Das grosse Lalü Lalü von Klaudia Schifferle als neues Palace-Banner. (Bild: pd)

Die Palace-Pause ist überstanden, und erfreulicherweise hat nun auch die Erfreuliche Universität ihre Arbeit wieder auf- und die Verantwortung als wichtiger Diskussionsort von und zu Stadt und Land und Welt wieder wahrgenommen. Dass es zahlreiche Freundinnen und Freunde der Nacht gibt, wussten wir schon. Jetzt gibt es noch mehr. Jetzt gibt es das neue Banner von Klaudia Schifferle.

Das Publikum hängt jetzt nicht nur in den Sesseln und an der Bar, es mischt sich auf die Bühne, nimmt Teil, schaut zurück, beobachtet sich selber, die Diskutierenden und Hörenden, Singenden und Schauenden, Röhrenden und Redenden und Lachenden. «Lalü Lalü» nennt die Zürcher Künstlerin Klaudia Schifferle die 2011 entstandene und 170 × 230 cm grosse Malerei in Acryllack auf Leinwand, die jetzt Banner geworden ist.

Spiel- und Ernstzeug

Lalü Lalü? So Lautmalerisches weckt Erinnerungen: Kroklokwafzi? Semememi! / Seiokrontro – prafriplo: / Bifzi, bafzi; hulalemi: / quasti basti bo… / Lalu lalu lalu lalu la! Das dadaistisch anmutende «Spiel- und Ernstzeug» von Christian Morgenstern (1871–1914), wie er selber seine Schreibe nannte, schwingt jedenfalls mit. «Es ist auch wie die Worte in den Sprechblasen von Comics zu verstehen», meint Künstlerin und Musikerin Klaudia Schifferle.

Das Palace-Publikum ist mehr als das konsumierende Gegenüber von Bühnenstars, es ist aktiver Teil der Debatte, die im ersten Monat um das Thema der Erschütterung kreist, um Untergrund und Underground in Wissenschaft und Kunst. Nach Geologischem von Oskar Keller geht es am kommenden Dienstag mit Bildhauer Wolfgang Steiger vom vorgeschichtlichen Murgang zum Umsturz am Stammtisch, Susanne Boos tischt die Risiken und Nebenwirkungen des Geothermie-Traumes auf, Künstler Florian Dombois macht die Geräusche aus dem Erdinnern am 22. Oktober im Palace hörbar.

Und stets dabei dank Klaudia Schifferle ist das doppelte Publikum. 1975 ist sie selber aufgetaucht auf der Bühne der Kunst. Und der Musik; fast wie ein Erdbeben, noch keine 20 Jahre alt. 1978 hat sie die Frauenband Kleenex mitbegründet, sie spielt Bass, singt Texte, die sie selber schreibt. 1980 ist sie massgeblich an der Ausstellung «Saus und Braus» im Strauhof in Zürich beteiligt. 1982 ist sie jüngste Teilnehmerin an der documenta 7 in Kassel. Der Erfolg ist gross rund um die neuen Wilden. Dann wird es ruhiger. Klaudia Schifferle macht weiter, auch ohne Aufmerksamkeiten von aussen.

Eigenwilliges Schaffen

Die Ausstellung «sumsum im universum» im Helmhaus Zürich 2010 hat die Aktualität und Eigenwilligkeit von Klaudia Schifferles Schaffen in Erinnerung gerufen. Ruheloses Wuchern von Strichen gehört genauso dazu wie die aus den Seelentiefen auftauchenden Körperfunde – zart, gelassen, souverän. Es ist kaum gealterte Kunst jenseits festgelegter Stilvorgaben. Blicke in die eigenen Tiefen treffen auf Trost. Helle Augen wachen. Welch vorzügliche Fortsetzung der Palace-Bannerreihe nach den Kunstschaffenden André Butzer, Michaela Melian, Peter Kamm, Jutta Koether, Albert Oehlen, Roberto Ohrt, Andreas Hofer.

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