Von alten Möbeln lernen: Wie zwei Thurgauer Brüder das Schreinerhandwerk für sich revolutionieren

Seit bald sieben Jahren entwerfen Samuel und Jonathan Gadient langlebige Möbel aus heimischem Massivholz. Ihr Clou: Ihre Möbel sind komplett metallfrei, zerlegbar und nachhaltig.

Judith Schuck
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Samuel (links) und Jonathan Gadient sind zwei junge, innovative Schreiner und Designer aus Leimbach bei Bürglen.

Samuel (links) und Jonathan Gadient sind zwei junge, innovative Schreiner und Designer aus Leimbach bei Bürglen.

Bild: Donato Caspari

Wer auf der Suche nach den Gebrüdern Gadient durch Leimbach fährt, wird schnell fündig: Auf dem zur Werkstatt gehörigen Wohnhaus ist ein grosser Schreinerhobel aufgemalt. Seit den 1940er Jahren lebte und werkelte an der Hauptstrasse 19 die Familie Zingg.

In dieser Werkstatt machten Samuel und Jonathan Gadient früh Bekanntschaft mit dem Werkstoff Holz. Das erste Sackgeld verdienten sie sich, indem sie Schreiner Zingg beim Aufräumen halfen. In ihrer Jugend fertigten sie dort eigene Skateboards. Samuel Gadient erzählt mit einem Grinsen:

 «Aber wir haben es nie geschafft, sie gewinnbringend zu verkaufen.»

Der heute 36-Jährige absolvierte ein Holzbauingenieur-Studium und arbeitete als Statiker. Als sein jüngerer Bruder Jonathan, heute 27, die Schreinerlehre abgeschlossen hatte, schlug er ihm den Schritt in die Selbstständigkeit vor.

Samuel fand die Bürotätigkeit auf Dauer zu trocken. Jonathan gefiel zwar sein erlerntes Handwerk, doch das Kreative blieb meist auf der Strecke. «Uns war auch klar, wenn wir uns selbstständig machen, dann nur in dieser Werkstatt. Hier drin hat sich so vieles abgespielt. Wir haben eine enge Beziehung zu diesem Ort», sagt Samuel Gadient.

Werkstatt, Büro, Atelier und Ort zum Sein

Ihre Werkstatt ist kein reiner Arbeitsraum: An der Fensterwand stehen dschungelartig bis zur Decke Grünpflanzen, Tomaten liegen zum Nachreifen in einer Schachtel, ein Holzofen verströmt heimelige Wärme. Die Auswahl an Wasserwagen schmückt eine andere Wand. Die Prototypen der Kollektion fügen sich wie nebenbei in das Ensemble aus Werkstatt, Büro, Atelier und Ort zum Sein ein.

Seit 2013 führen Samuel und Jonathan Gadient in diesen Räumen das Möbelatelier Gebrüder Gadient. Ihre Philosophie: metallfreie, zerlegbare, nachvollziehbare Konstruktionen, haltbar und nachhaltig. All ihre Massivhölzer werden in einem Umkreis von rund 15 Kilometern gefällt, in einer Sägerei in Hugelshofen zugeschnitten und von ihnen in Leimbach zu praktischen Alltagsgegenständen zusammengebaut.

Jonathan ( links ) und Samuel Gadient mit dem von ihnen entworfenen hölzernen Wäschekorb: «Zeine» ist das über ihren Online-Shop meistverkaufte Stück.

Jonathan ( links ) und Samuel Gadient mit dem von ihnen entworfenen hölzernen Wäschekorb: «Zeine» ist das über ihren Online-Shop meistverkaufte Stück.

Donato Caspari

Herausforderung und Umdenken

«Dass wir heute metallfrei bauen, hat sich aus einem Kundenwunsch entwickelt», sagt Samuel Gadient. Der Kunde wollte ein Bett ohne Metallelemente. Sie waren von der Idee erst nicht so überzeugt, probierten aber verschiedene Varianten aus. «Das Gute war, dass wir uns mit dem Holz auseinandersetzen mussten», sagt Jonathan Gadient. Es sei Herausforderung und Umdenken, auf solche Art zu schreinern.

«Es gibt viele Standarddetails, die wir selbst entwickeln müssen», sagt Samuel Gadient. Aber das sei auch das Kreative an ihrer Arbeit, findet Jonathan Gadient. Die Tür beim Schrank dreht sich so um eine hölzerne Achse, die Querstreben am Regal sind ebenfalls aus Holz.

Als Vorbild für ihre Möbel lassen sich die Beiden von Antikmöbeln inspirieren, die sie ebenfalls in ihrer Werkstatt restaurieren. Denn alte Schränke sind meist aus Steckkonstruktionen gebaut und lassen sich leicht auf und abbauen. «Mit solchen Möbeln macht Zügeln beinahe schon Spass», ist Jonathan Gadient überzeugt.

Am 14. Dezember 2019 stellen die Gebrüder Gadient an der Design-Messe «Cash for Trash» in der Lokremise St. Gallen aus und zeigen in einer interaktiven Aktion, wie sie den Wäschekorb aus Holz herstellen.