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Das Berner Ensemble Proton und die Maulwerker Berlin buchstabierten sich im Maihof Luzern durch das Alphabet

Das Berner Ensemble Proton und die Maulwerker Berlin waren zu Gast im Maihof. Im Gepäck hatten sie das Musiktheater «durst und frucht». Und sie zeigten, dass Sprache eine endlose Baustelle ist.
Katharina Thalmann
Das Ensemble Proton und die Maulwerker liessen die Buchstaben im Maihof fliegen. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 26.  Juni 2018)

Das Ensemble Proton und die Maulwerker liessen die Buchstaben im Maihof fliegen. (Bild: Pius Amrein (Luzern, 26.  Juni 2018)

1838 nehmen die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm ein Mammutprojekt in Angriff. Sie wollen nichts Geringeres als ein Deutsches Wörterbuch schreiben. «Sie unterschätzen die Sprache masslos», heisst es in «durst und frucht». Und das ist wahr. Wilhelm verstarb 1859 während der Bearbeitung des Buchstabens D. Jacob starb 1863, nach den Buchstaben A, B, C und E, über dem Wort «Frucht».

Die Schweizer Komponistin Annette Schmucki nahm diese tragikomische Geschichte als Ausgangspunkt für ihr Musiktheater «durst und frucht». Das Stück war während des letzten Jahres im Basler Gare du Nord und in der Dampfzentrale Bern zu sehen und zu hören. Dem Forum Neue Musik Luzern verhalf es am Dienstag zu einem stimmigen Saisonabschluss.

Reizvolle Elemente zerbröseln im Kirchenschiff

Das Eröffnungssetting ist zweidimensional: Die Musikerinnen und Musiker sitzen in einer akkuraten Reihe, alle in Weiss, ebenso wie die fünf Maulwerker, die hinter einer Reihe von alten Schulbänken Platz nehmen. Zweidimensional wie ein Stück Papier – erst die Imagination der Leserschaft lässt Geschichten dreidimensional werden, erst die Interaktion mit dem Publikum lässt Musiktheater entstehen.

So dauert es denn auch nicht lange, bis einzelne Ensemblemitglieder aufstehen und mit Mini-Projektoren Buchstaben im Maihof verstreuen und bis die Maulwerker auf ihren Tischen durch das Kirchenschiff rollen und mit Scheren Papierschnipsel zerkleinern.

Bald schon muss der Versuch aufgegeben werden, das Gesprochene, Gesungene und Gespielte zu verstehen. Denn Annette Schmucki beschwört ein wohlkalkuliertes Wirrwarr herauf, nebst den akustischen Eindrücken sind das die Projektionen, ein Fernseher am Boden, Tonbandeinspielungen und performative Aktionen. Diese an sich reizvolle Gleichzeitigkeit der Elemente droht im breiten Kirchenschiff des Maihof immer wieder zu zerbröseln.

Wenn Steffi Weismann ihre Textfragmente und sprachlichen Versatzstücke auf einem der Tischchen stehend deklamiert, fühlt man sich unweigerlich an Herbert Fritschs in Zürich gezeigte «Grimmige Märchen» erinnert. Die Grimms scheinen zu Grotesken zu verlocken. Die Präzision und Stimmakrobatik der Maulwerker ist bestechend – und sie scheinen sich im dadaistisch angehauchten Setting wohl zu fühlen, gehören doch Cage und Fluxus zu ihren Kernkompetenzen. Jede und jeder hat ein ganz eigenes Timbre, auch wenn sie selten im klassischen Sinne singen. Halb sprechen sie, halb rappen sie, und oft bleiben ihnen die Worte buchstäblich im Hals stecken.

Symbolträchtige Bauhelme

Da ist etwa die tiefe, sonore Stimme von Katarina Rasinski oder der schauspielerisch klare Klang von Tobias Dutschke. Ariane Jessulat, die übrigens eine der renommiertesten Musiktheoretikerinnen Europas ist, überrascht im letzten Drittel mit ihrem hellen Sopran. Sie singt ein inniges Duo mit Martin Bliggenstorfer am Lupophon. Dieses sieht aus wie ein schwarzes Saxofon, klingt aber eher wie eine sehr tiefe Oboe. Das rare Instrument gibt es erst seit 2010, und Bliggenstorfer führte 2011 das erste für Lupophon geschriebene Kammermusikwerk in Amsterdam auf.

Die Kommunikation zwischen dem Dirigenten Matthias Kuhn und dem Ensemble läuft immer wieder über mehrere Ecken: Wenn der Maulwerker Henrik Kairies mit seiner Ukulele ein Ständchen singt, folgt ihm die Harfenistin Vera Schnider mit ihren Blicken, und der Dirigent koordiniert das Ganze mit dem die Geige zupfenden Maximilian Haft.

Das ganze Alphabet? Nicht doch!

Beim Buchstaben C wie «Cäsur» angelangt, stellt sich die Frage: Musiziert sich das nach Worten ringende Musiktheater jetzt tatsächlich durch das ganze Alphabet? Nicht doch, auch die Grimms kamen über das F nicht hinaus. Erst 1961 erschien der letzte Band des Deutschen Wörterbuchs; insgesamt bringt es stolze 84 Kilo auf die Waage. «durst und frucht» ist eine bemerkenswerte musikalische Annäherung an dieses sprachliche Megaprojekt.

Und die weissen Bauhelme, die die Maulwerker auf dem Kopf tragen, machen klar: Unsere Sprache erfordert stetige und vorsichtige Bau- und Renovationsarbeiten. Und das Dickicht der Buchstaben lichtet sich auch 180 Jahre nach dem Versuch der Brüder Grimm nur ungern – doch neugierig macht es wie eh und je.

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