Vom Wachsen der Reben und der Seele

Gleich am Anfang brennt es lichterloh: Irgendjemand hat einen Brand am Badehaus gelegt, und nun muss der Grossvater, der eine Rauchvergiftung erlitt, im Helikopter ins Krankenhaus. Erschüttern kann ihn das nicht. «Ich vermisse die Reben», sagt er noch in der Luft.

Bernadette Conrad
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Markus Ramseier (Bild: pd)

Markus Ramseier (Bild: pd)

Gleich am Anfang brennt es lichterloh: Irgendjemand hat einen Brand am Badehaus gelegt, und nun muss der Grossvater, der eine Rauchvergiftung erlitt, im Helikopter ins Krankenhaus. Erschüttern kann ihn das nicht. «Ich vermisse die Reben», sagt er noch in der Luft. «Vielleicht ist es das Alter… Es ist doch ein Irrwitz, so festgeschnallt zu werden, um nicht aus der Welt zu fallen. Ich bin ein einfacher Mensch, ich mache Wein, um glücklich zu sein.» Flo, seine 19jährige Enkelin, begleitet ihn.

Trocken-witzige Coolness

«Was ich übers Leben weiss, hab ich von ihm», sagt Flo im kurzen Prolog zu Markus Ramseiers Buch «Vogelheu». Sie ist die Ich-Erzählerin des Buches, die die Ereignisse rund um diesen Brand mit einer trocken-witzigen Coolness aufzeichnet, die sie wohl auch vom Grossvater hat. Niemand ist verletzt, nur Grossvaters Schneckensammlung im Keller ist zerstört.

Flo ist eine Suchende. Am Tag nach dem Brand ist ihre Maturfeier, aber wie es scheint, hat sie in der Schule so wenig Antworten auf ihre Lebensfragen bekommen wie beim Vater, dem ehrgeizigen Hotelier, oder der hysterischen Mutter. Hinter vielem, was Menschen eitel und ehrgeizig macht, wie materielles Gut und verbissen erworbene Diplome, sieht sie Lebensleere. Auf eine hellwache und zugleich unaufgeregte Art beobachtet sie. «Nein, für Grossvater ist der Brand keine Tragödie. Er hat nichts mit seinem Kern zu tun», heisst es an einer Stelle. «Der Keller wirkt unaufräumbar, aber auch friedlich wie früher.»

Laufen statt Schnecken

Früher hatte Flo ihrem Grossvater auf dem Rebberg geholfen, sie hatte sein heftiges Interesse an Schnecken geteilt, und sie ist durch ihn zur Läuferin geworden. Wenn sie jetzt von ihrem Vater um die Aschenbahn gehetzt wird, folgt sie dagegen den Zielen dieses stromlinienförmigen Wellnesshoteliers, der alles tat, um anders als sein Vater zu werden, und der in Werbeformeln redet. Auch Grossmutter Jana – schon länger nicht mehr Grossvaters Frau – kann mit dem anbiedernden Verhalten ihres Sohnes wenig anfangen: «Trotz Royal-Hydro-Bad und farbig blinkenden Sternchen an der Holzdecke liegen eure Gäste wie tote Fliegen auf ihren Hotelbetten… das ist der reinste Wohlfühlzwang. Alle zehn Meter stolperst du über einen Früchtekorb.» Kein Zweifel, Flo ist ihren Grosseltern weit ähnlicher als ihren Eltern, und was in ihr rumort, ist die Sehnsucht, dem schönen Schein zu entkommen. «Kann man in gewissen Umgebungen überhaupt reden, ohne zu lügen?», fragt sie sich am Abendbrottisch – aber wie zurück zu jener Echtheit gelangen, die das Kinderleben mit dem Grossvater hatte? Ein Zurück, das weiss sie, gibt es nicht. Aber wo geht es weiter? Wohin führt eine Zukunft, in der sie von Erwachsenen wie dem Vater, dem heimlich trinkenden Hotelconcierge Thomas und den egozentrischen Hotelgästen umgeben ist?

«Bin ich nicht längst von einem jungen zu einem alten Menschen geworden in diesem Haus, wo das Glück so reichlich fliesst, dass es überschwappt?» Altklug würde man sie nennen, wenn sie nicht wirklich klug, auf eine tiefe Art wissend wäre.

Kraftvolle, witzige Sprache

Das Rätsel des Brandes löst sich auf unerwartete Weise. Das wichtigere Thema löst sich nicht: Flos Ablösung vom Grossvater als des «einzigen, der ihre Seele berührt hatte», nun gleich doppelt erzwungen von ihrem «Flüggewerden» via Matur einerseits; von seiner Krankheit andererseits. Die Intensität dieser zwei Wochen im Leben des nach aussen so starken Mädchens, das nie um eine Antwort verlegen scheint; das seine Verehrer abblitzen lässt und sich von Vater und Mutter abgrenzen kann, ist so berührend, weil der Schweizer Ramseier von Flos verletzlichem Kern, ihrer Orientierungslosigkeit, Einsamkeit und Leidenschaftlichkeit in einer Sprache erzählt, die fern jeden Klischees so eigen und kraftvoll, witzig und schwermütig zugleich ist, dass man ihr unmittelbar glaubt. Man möchte sie gar nicht mehr verlassen, die eigenwillig erzählten Persönlichkeiten; man möchte auch am Ende des Romans mit ihnen nicht fertig sein.

Markus Ramseier: Vogelheu, Haymon 2013, 331 S., Fr. 28.50

Markus Ramseier: Vogelheu, Haymon 2013, 331 S., Fr. 28.50