Vom Realismus gezeichneter Bilder

Unter dem Titel «Animadoc» zeigt das Kinok im Januar eine Reihe von sechs Dokumentarfilmen, in denen Animiertes und Dokumentarisches fliessend ineinander übergeht. Eine spannende Reise in eine filmische Gattung, die immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Geri Krebs
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Im Waisenhaus: Der Koreaner Jung Henin erzählt seine Geschichte. (Bild: pd)

Im Waisenhaus: Der Koreaner Jung Henin erzählt seine Geschichte. (Bild: pd)

Das Cover des Januar-Programmheftes des Kinok zeigt einen ungesund aussehenden kleinen Jungen mit viel zu grossem Kopf, der eine Schrifttafel vor sich hält, auf die sein Name und eine Nummer gekritzelt sind. Die Szene stammt aus dem 2012 entstandenen Film «Couleur de peau: miel», in welchem der Koreaner Jung Henin seine eigene Geschichte verarbeitet.

Hybride Filmgattung

In Zusammenarbeit mit dem Belgier Laurent Boileau erzählt der heute 50jährige Cartoonist davon, wie er als eines von Hunderttausenden von Kindern nach dem Koreakrieg in einem Waisenhaus aufwuchs und schliesslich von einer belgischen Familie adoptiert wurde. Der Film verbindet gekonnt Ausschnitte aus Familienvideos mit längeren Animationssequenzen und ist einer von sechs Filmen aus einer Reihe, die Animation und Dokumentation verbindet und die in diesem Januar im Kinok den Schwerpunkt bildet.

Dabei ist die Terminologie dieser seit einigen Jahren vermehrt auftretenden hybriden Filmgattung nicht ganz eindeutig. Während das Kinok von «Animadoc» spricht, heisst es in Deutschland «Dokanimation», und das Festival Fantoche in Baden, das als bedeutendstes Schweizer Festival für Animationsfilme diesen Filmen ein besonderes Augenmerk widmet, spricht von «Anidoc».

Reales wäre kaum auszuhalten

Als Geburtsstunde für diese Art von Filmen wird gewöhnlich das Jahr 2008 genannt, als der israelische Regisseur Ari Folman mit «Waltz with Bashir» am Filmfestival von Cannes für Aufsehen sorgte. Mit Ausnahme der letzten Filmminute handelt es sich bei «Waltz with Bashir» um einen «reinen» Animationsfilm, in welchem der Regisseur seine Erfahrungen im Libanonkrieg von 1982 zu verarbeiten suchte. Und in jener Schlusssequenz mit den – damals um die Welt gegangenen – Dokumentaraufnahmen von Frauen, die aus den Beiruter Palästinenserlagern Sabra und Shatila schreiend auf die davor postierten israelischen Soldaten zurennen, macht Ari Folman deutlich: Hätte man all das, wovon die 89 Minuten davor erzählten, in «realen» Bildern gesehen, so hätte man das wohl kaum ausgehalten.

Im Konzentrationslager

Das Mittel der Animation, um Distanz zu schrecklichen Szenen zu schaffen, das ist auch in «Camp 14 – Total Control Zone» von Marc Wiese und in «The Green Wave» von Ali Samadi Ahadi präsent. Während in Marc Wieses Film die Bilder vom Inne- ren jenes nordkoreanischen Kon- zentrationslagers, in welchem der Protagonist Shin Dong-Hyuk aufgewachsen ist und aus dem er als 23-Jähriger fliehen konnte, als Filmaufnahmen gar nicht existieren und deshalb nur in gezeichneter Form erscheinen, ist der Iraner Samadi Ahadi in weiten Teilen von «The Green Wave» den umgekehrten Weg gegangen: Basierend auf Handy und Webcam-Aufnahmen – und auf Protokollen Beteiligter – zeichnet der Film im wörtlichen Sinne nach, wie im Juni 2009 die Demokratiebewegung im Iran brutal niedergeschlagen wurde.

Raus aus der Wohnung

Wo die Kamera verboten und den Filmenden in Lebensgefahr bringt, muss die Fiktion überbrücken. Nur so können Dinge gezeigt werden, die nicht gezeigt werden dürfen. Das gilt auch für Lebenssituationen, die weniger dramatisch sind als in diesen genannten Filmen. So etwa für «Betongold – Wie die Finanzkrise in mein Wohnzimmer kam», wie die in Berlin lebende Katrin Rothe mit bissigem Humor ihre so wütende wie überschäumend kreative Abrechnung mit einer Entwicklung auf dem Immobiliensektor nennt, von der sie ganz persönlich betroffen ist.

Die Wohnung, in der die Filmemacherin wohnt, soll verkauft werden. Katrin Rothe und ihre Kinder müssen möglichst schnell raus, und die Dokumentation des letztlich vergeblichen Kampfes gegen die Immobiliengesellschaft, die mit vielfältigem Psychoterror die Mieter vertreibt, überbrückt die Regisseurin immer wieder mit ungemein witzigen Animationssequenzen, in welchen die Verantwortlichen für den Rausschmiss aus der Wohnung erscheinen.