Vom Kater eingeholt – warum Sänger Faber einen Refrain besonders bereut

Er hat die Zeit seines Lebens, singt Faber auf seinem neuen Album «I Fucking Love My Life». Doch die Kritik an seinen provokanten Songs prallt am Zürcher Musiker nicht mehr so leicht ab wie einst. Einen viel diskutierten Refrain bereut er ganz besonders.

Michael Graber
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Faber (bürgerlich: Julian Pollina) ist einer der pointiertesten Beobachter in der deutschsprachigen Musik. (Bild: Sandra Ardizzone)

Faber (bürgerlich: Julian Pollina) ist einer der pointiertesten Beobachter in der deutschsprachigen Musik. (Bild: Sandra Ardizzone)

Natürlich muss man über den Schwanz sprechen. Faber hat den Schwanz nämlich gestrichen, verschwinden lassen. Zuerst war der Refrain im Song «Das Boot ist voll» eine sehr wütende Anklage gegen Wutbürger, die darin mündete, dass die Wutbürger seinen – Sie ahnen es – in den Volksmund nehmen sollen. Die Songzeile geriet vielen in den falschen Hals und gipfelte im Vorwurf, er rufe zur Vergewaltigung von Nazis auf. Da war das Lied gerade mal seit ein paar Stunden veröffentlicht. «Mir war schon früh unwohl dabei», sagt Faber. Keine 24 Stunden nach dem Erscheinen setzt er sich hin und schreibt einen neuen Refrain. Ohne Schwanz. Er nimmt den neuen Teil auf, ersetzt die Versionen überall, auch im Videoclip.

«Nicht mal unbedingt wegen der Reaktionen. Es hat sich einfach falsch angefühlt», sagt Julian Pollina an einem vernebelten Tag in Zürich. Die neue Version sei sowieso besser. Die Kritik sei aber berechtigt gewesen, räumt er ein, es sei dumm gewesen, dass er eine sexualisierte Sprache verwendet habe. Das bereue er nachträglich. Die Heftigkeit der Kritik hat ihn dennoch überrascht. Und auch etwas mitgenommen. «Es ist überhaupt nicht geil, wenn man polarisiert», sagt Faber.

«Es ist viel Scheisse passiert in den letzten zwei Jahren»

Polarisiert hat Faber aber eigentlich schon immer. Seine Sprache ist derb, seine Texte ecken an, er getraut sich, Position zu beziehen. «Früher prallte die Kritik ab», sagt er und klaubt eine Zigarette aus der Packung. Nun aber sei dieser Schutzwall weg. «Es ist viel Scheisse passiert in den letzten zwei Jahren», so Faber. Todesfälle im engeren Umfeld, zerbrochene Beziehungen «und noch vieles mehr», sagt er unter seinem dicken Kapuzenpulli.

Früher, so der 26-Jährige, habe er die Flucht gesucht. Mit Flucht meint er «feiern, ausgehen, Flaschen in den Kopf drücken». Mit Flucht meint er auch verdrängen. «Ich habs einfach weggeschoben. Dafür holt es mich jetzt umso brutaler ein.» All seine verletzlichen Seiten habe er in den letzten Jahren ausgeblendet, zugunsten der Rampensau Faber, «ich bin eigentlich viel schüchterner neben der Bühne». Auf einer Befindlichkeitsskala von 1 bis 10 sei er «derzeit bei einer 3. Oder 3,5». Er schiebt aber sofort nach: «Ich will gar keine Sekunde missen. Ich hatte jetzt acht Jahre auf Tour ein komplettes Legenden-Leben».

Momentan aber will er sich lieber etwas zurückziehen, auch mal alleine sein. Hilft das? «Ich vermute es. Habe aber erst gerade damit angefangen.» Sein neues Projekt sei jetzt «erwachsen werden im Sommer 2020». Wie das gehe, wisse er nicht, sagt er und fährt sich durch die Haare, «ich finde aber geil, dass es so ein fixes Datum hat. Ihr könnt dann alle nachfragen.»

«Mir war schon früh unwohl dabei. Es hat sich falsch angefühlt.»

Sein anderes Projekt hat den Titel «I Fucking Love My Life» und erscheint am kommenden Freitag. Es ist das zweite Studioalbum von Faber. Auf dem zweiten Stück, «Highlight», singt er mit seiner rauchigen Stimme «Ich bin für alles zu haben, doch fürs meiste zu breit. Und das ist geil. Ich hab die Zeit meines Lebens. Ich kann so viel erleben. Mich an nichts mehr erinnern. Wie ein echter Gewinner.» Hier prügelt das Leben des Julian Pollina kurz durch die Songzeilen. «Es ist brutal schwierig, sich selber zu bleiben, wenn dir ein paar tausend Menschen zujubeln», sagt er. Aber es ist doch sicherlich geil, der Geilste zu sein, oder? «Kurz vielleicht. Richtig dumm wird es aber dann, wenn du dich ständig für den Geilsten hältst», so Faber. Der ständige Rausch schütze nur temporär vor dem Kater, «die Payback-Zeit kommt dann umso härter».

Gefeiert wird Faber, weil er einer der pointiertesten Gegenwartsbeobachter in der deutschsprachigen Musik ist. Wie er in «Das Leben sei nur eine Zahl» die Selbstoptimierung und Selbstinszenierung der Instagram-Generation seziert, ist hinreissend. Dazu plätschert ironisch die Musik in einer 70-Jahre-Softerotik-Ästhetik. «Das Leben sei nur eine Zahl. Und du nur ne Nummer für mich», singt Faber, bevor das Saxsolo beginnt. Er selber erwartet mehr vom Leben, keine Frage. Aber wer mehr erwartet, auf den warten auch mehr Enttäuschungen.

Ist das too much, oder fühlt man es genau deswegen?

Auch an anderen Orten arbeitet sich der Zürcher an der Oberflächlichkeit der Welt ab. Dazwischen an der Politik. Und an der Liebe. Im zweiteiligen «Sag mir wie du heisst» fühlt Faber einem Mann nach, der sich dank Geld eine schöne Frau angelt und am Schluss wohl doch verliert: «Schau, wie es uns zerreisst. Ein Teufelskreis. Je mehr ich will, dass du bleibst, desto mehr möchtest du gehen.» Um das Drama noch zu verstärken, wird die Melange aus Bläsern, Streichern und Klavier ständig lauter und dichter. Unglaublich pathetisch, ohne jeden Zweifel. Das kann man too much finden, oder man fühlt es genau deswegen.

Das rauschhafte Leben von Faber spiegelt sich auch in seiner Musik. Zwischen spärlich instrumentiert und fast schon überladen gibt es kaum Raum. Faberlieder erdrücken einen in den besten Momenten, und sie nehmen einen mit auf eine Reise. Die Musik lockt manchmal auf eine falsche Spur, die Texte holen einen hart zurück. «Ich mag es, wenn Kunst auch mal kräftig ins Gesicht schlägt», sagt Faber und kämpft mit einem Streichholz.

Auch deshalb beschränkt er seine Kritik nicht auf Wutbürger, die es tatsächlich als Option betrachten, dass man Menschen ertrinken lässt, sondern kratzt auch an linken Weltbildern. «Ich habe mich am letzten Sonntag aber schon sehr gefreut über den Wahlausgang», sagt Faber. Und natürlich will er mit seiner Musik aufrütteln und zum Nachdenken bewegen, sagt er. «Es schockiert mich, wenn in gewissen Städten Nazi-Mobs Jagd auf Ausländer machen. Das kann man nicht hinnehmen.»

Die Flucht in den textlichen Zynismus

Vor den Wahlen hat er verkündet, dass er in Zürich ein spontanes Konzert spiele. Eintrittsticket: das Wahlcouvert. «Das war vielleicht das Schönste, was ich in den letzten Monaten gemacht habe.» Viele Leute fanden keinen Platz im Lokal, man sang auch draussen, anschliessend filmte Faber sich beim Einwerfen der Couverts in den Briefkasten. «Das hat mich glücklich gemacht. So kann ich etwas bewegen. Das ist faszinierend.» Ob er das auch ohne all die kleinen Provokationen und die Polarisierung könnte, weiss Faber nicht. «Das hat sicher geholfen, der Preis dafür ist aber hoch.» Wenn «mich die eine Hälfte super und die andere Hälfte doof findet, ist es wahnsinnig schwierig, die Mitte zu finden, und diese Mitte sucht man gerade dann, wenn es einem nicht so toll geht», sagt Faber.

«I Fucking Love My Life» schliesst mit dem Schweizerdeutschen «Heiligabig ich bi bsoffe». Es ist die verzweifelte Klage eines betrunkenen Mannes, der alleine Weihnachten verbringt, weil seine Frau ihn sitzen gelassen hat. «Jede isch enttüscht weg öpis, jede het e Meinig. Jede meint seg nöd so schlimm. Merkt niemert, dassi trurig bin?» Bei Faber ist es oft die Flucht in den – zuweilen nur schwer erträglichen – textlichen Zynismus. Der kann darüber hinwegtäuschen, dass die verletzliche Seite beim Musiker auch da ist.

Bald tourt er wieder. Zuerst durch ganz kleine Clubs im deutschsprachigen Raum (alle bereits restlos voll), dann durch ganz grosse Hallen (viele schon gut voll). Und dann? «Vielleicht schreibe ich bald ganz andere Lieder», sagt Faber, «jetzt, wo ich ja bald erwachsen werde.» Er lacht.

Faber «I Fucking Love My Life». Irrsinn Tonträger, ab 1. November.