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Vom Jenseits ins Diesseits: Requiem für die Lebenden zum Reformationsjubiläum

Der Musiker Peter Roth hat zum Reformationsjubiläum ein Requiem komponiert, bewusst für die Lebenden, nicht als Totengedenken. Vor dem Tod hat der 74-Jährige keine Angst; Leben und Vergehen sieht er in einem steten Kreislauf.
Martin Preisser
«Es ist vielleicht mein vollständigstes Werk», sagte Peter Roth über sein Requiem. (Bild: Urs Bucher)

«Es ist vielleicht mein vollständigstes Werk», sagte Peter Roth über sein Requiem. (Bild: Urs Bucher)

Mit Peter Roth über den Tod zu reden, ist eine spannende, aber auch entspannte Angelegenheit. Tod und Leben sieht der Toggenburger Musiker in einen organischen Kreislauf eingebunden, als zyklische Bewegung steten Ein- und Ausatmens. Er fürchtet den Tod nicht. «Es ist ja ein Paradox: Im Moment des Todes sind wir innerlich am reichsten, der innere Raum hat sich dann am weitesten ausgedehnt. Aber unser Körper hat den Punkt der grössten Schwäche erreicht.»

Roths künstlerisches Markenzeichen ist die untrennbare Verbindung von Leben und Musik, Spiritualität und Klang. Der Musiker ist auch in Hospizvereinen oder bei Palliative Care Ostschweiz ein gern gesehener Referent. Da spricht er dann nicht über den Tod, sondern über Klang, der aus der Stille komme und wieder in sie gehe.

Es gibt ein Leben vor dem Tod

Jetzt hat er im Rahmen des Reformationsjubiläums als Auftragswerk der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen ein Requiem komponiert. «Es ist vielleicht mein vollständigstes Werk, ganz sicher aber eine Zusammenfassung all meiner musikalischen Zugänge und Ideen.»

Düsteres Totengedenken will sein neues Werk nicht sein, sondern ein Requiem für die Lebenden. «Wisst ihr denn nicht?», hat Peter Roth es betitelt. Wisst ihr denn nicht, dass es ein Leben vor dem Tod gibt, fragt das Requiem mit Worten der Theologin Dorothee Sölle. Und «Im Licht ist alles Jetzt» ist das Motto von Roths Requiem aeternam, welches das Werk eröffnet. Beim Thema Licht kommt Roth auf die Quantenphysik zu sprechen, auf Ideen, die auch in der Naturwissenschaft das dualistische Denken aufheben, so wie es spirituelle Schulen schon seit Jahrhunderten tun.

«Es ist das Licht selbst, das wir fürchten», zitiert Roth einen Gedanken der Amerikanerin Marianne Williamson, den auch Nelson Mandela seiner Inauguration als Präsident Südafrikas zugrunde legte. «Vieles ist heute ungelebtes Licht, dieses Unge lebte wird oft angestrengt kompensiert. Das Licht, das wir nicht zeigen wollen, hemmt uns, nicht das Dunkel», sagt der Toggenburger Komponist. Musik ist für ihn ein Weg des Wiederentdeckens, des Sichtbarmachens dieses Lichts: «Dieses Licht wäre es, das uns helfen könnte, das eigene authentische Sein kreativ zum Ausdruck zu bringen.»

Ein mildes Werk, ohne Höllenvorstellungen

Wer heute ein Requiem schreibt, hat viele grosse Werke der Musikgeschichte im Rücken. Peter Roth belastet diese Tradition überhaupt nicht. «Diese Kompositionen sind alle am ­Jenseits orientiert. Ich will diese Gedanken wieder ins Diesseits versetzen; das Paradies wartet nicht nach dem Tod, sondern kann mitten im Leben sein, jeden Augenblick.»

Ein Vorbild hat er doch: das Requiem von Gabriel Fauré, ein mildes, sanftes Werk, ohne die düsteren Höllenvorstellungen, wie sie etwa bei Verdi vorkommen. «Faurés Vorstellung vom Tod als sanfter Übergang kommt meiner eigenen Vorstellung vom Tod vielleicht am nächsten.»

Viel Raum für Improvisation

Jodel, Blues, Jazz, Gospel, Volkstümliches, aber auch romantische Harmonik, gregorianischer und A-cappella-Gesang sind die musikalischen Ingredienzien von Roths Requiem. Der Requiem-Text wird streng und wörtlich vom Chor vorgetragen. Moderne Texte wie eben von Dorothee Sölle oder dem Indianerhäuptling ­Seattle, aber auch Text in Mundart ergänzen die Aussage.

Grossen Raum nehmen ­Improvisationen ein, auch als Ausdruck des Im-Moment-Seins, des Aufleuchten-Lassens gegenwärtigen Lichts, wie Roth es formuliert. Fünf bekannte und profilierte Jazzer hat er dafür engagiert. Im Winter 2017 ist der grösste Teil des Requiems auf dem Monte Verità bei Ascona entstanden. Das Hotel war geschlossen. Peter Roth konnte aber zwei Zimmer mieten und kam für die Extra-Heizkosten auf.

Die Vorstellungen von Schuld aufgeben

Wenn er jetzt erzählt, wie die Musiker beim improvisierenden Proben mit seinem Requiem ihren ganz eigenen Weg gingen, hat er Tränen in den Augen. Jetzt ist ­Leben, jetzt ist Spiritualität, das scheinen diese Tränen zu ­sagen. Nicht zuletzt will er mit seinem ganz eigenen Requiem-Zugang den Zuhörer dazu einladen, sich von der auch heute in manchen Konfessionen nicht völlig überwundenden Vorstellung von Schuld und entmündigender Abhängigkeit frei zu machen. Musik ist für eine solche Botschaft Peter Roths sicherstes Vehikel.

Sa, 3.11., 20 Uhr, Klosterkirche, Alt St. Johann; So, 4.11., 17 Uhr, St. Laurenzen, St. Gallen

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