Vom guten Moment zur Schönheit

Eine Auswahl der Siegerbilder aus 50 Jahren Wettbewerb «Wildlife-Fotografien des Jahres» zeigt, wie sich die Naturfotografie mit moderner Technik und veränderten Sehgewohnheiten zur Kunst entwickelte.

Valeria Heintges
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Der Gewinner in diesem Jahr: Eine Löwenherde lagert auf einem Felsen, als hätte der Fotograf jedem einzelnen Tier seinen Platz zugewiesen. (Bild: Michael «Nick» Nichols/Wildlife Photographer of the Year 2014)

Der Gewinner in diesem Jahr: Eine Löwenherde lagert auf einem Felsen, als hätte der Fotograf jedem einzelnen Tier seinen Platz zugewiesen. (Bild: Michael «Nick» Nichols/Wildlife Photographer of the Year 2014)

Ein Löwe, der vorsichtig die Tatze hebt, um ein Stachelschwein anzutippen. Man sieht ihm an, dass er weiss, wie scharf und spitz die schwarzweiss geringelten Nadeln sind; seine Haltung verrät die Spannung, unter der der Körper steht, jederzeit bereit zurückzuzucken. Im südafrikanischen Teil des Kgalagadi Transfrontier Parks fotografierte Barrie Wilkins diese ungewöhnliche Szene, lag stundenlang auf dem Bauch, um den richtigen Moment abzuwarten. Und kann daher auch berichten, dass der Löwe, der mit seinem Bruder auf Jagd war, nach einer weiteren Stunde die Jagd auf die Stachelschweine aufgab.

Unendliche Jagd nach Fotos

Die Jagd nach dem besten Foto allerdings geht immer weiter. Seit nunmehr 50 Jahren wird der «Wildlife-Fotografien des Jahres»-Wettbewerb ausgeschrieben. Gab es 1965, im ersten Jahr, 361 Einsendungen, waren es 1985 bereits 20 000 und zwanzig Jahre später noch einmal doppelt so viel. Wie sich die Naturfotografie in diesen 50 Jahren verändert hat, zeigt ein eindrucksvoller Bildband, der mit informativen Texten die Entwicklung des Genres von der Dokumentation zur Kunst begleitet.

Zwischen 1965 und 2014 veränderte sich die Technik rapide. Sie wechselte von Negativ- auf Diafilm, von dort auf Digitaltechnik; die Ausrüstung wurde leichter und günstiger. Das ermöglichte völlig neue Blickwinkel, die Fotografen konnten auf hochbeinige Stative verzichten und sich auf dem Boden liegend ihren Motiven nähern; die Beine eines Elefanten wie Baumstämme zeigen. 2007 gewinnt der Ungar Bence Máté mit dem Bild eines Sperbers, der über sein Spiegelbild im See hinweg frontal in die Kamera schaut.

Wo war der Fotograf, als er auf den Auslöser drückte?, fragt man sich da. Die Antwort lautet oft: In einem mühsam gebauten Versteck, das unterirdisch liegt oder gut getarnt ist. Eine andere Antwort: am Fernauslöser. Oder bei Nachtaufnahmen: ganz woanders. Das Tier gerät in eine Fotofalle, die Blitzgeräte und den Verschluss auslöst. Viele Fotografen streifen monatelang mit den Tieren herum, damit die sich an sie gewöhnen – und können dann Bilder aus atemberaubender Nähe machen.

Zusätzlich werden die Belichtungszeiten immer kürzer, das erlaubt scharfe Bilder von Vögeln oder Insekten im Flug oder in immer schwärzerer Dunkelheit. Faszinierend beschreibt Autorin Rosamund Kidman Cox die Vorliebe der skandinavischen Fotografen für dunkle Stimmungen und Nebel, während südländische für farbiges Licht schwärmen. Die Wettbewerbe gewinnen oft die Skandinavier, etwa der Finne Jouni Ruuskanen mit einem abendlich beleuchteten Sterntaucher allein auf einem schwarzen See oder sein Landsmann Antti Leinonen mit einem Bären, der vor einem flammendroten Streifen am Himmel in der Dunkelheit durch den verschneiten Wald streunt.

Unbekannter Kosmos Meer

Immer öfter dokumentieren Fotos die Zerstörung der tierischen Lebenswelt durch den Menschen. Ein Bild zeigt einen Bären, betäubt auf dem Boden liegend. Über einen dünnen Schlauch wird ihm Gallensaft für chinesische Arzneimittelhersteller abgezapft.

Die Entwicklung von Unterwasserkameras ermöglicht Bilder im unbekannten Kosmos Meer. Eindrücklich eine Garnele, die sich unter den Tentakeln einer Anemone versteckt wie ein winziger Mensch in den Säulen einer Kirchenkuppel. Gleichzeitig verändert moderne Technik den Anspruch von Fotografen und Jury an ein gutes Foto. Nicht mehr der besondere Moment ist wichtig, sondern die Komposition, die Ästhetik des Bildes.

Den Wettbewerb 2014 gewann der US-Amerikaner Michael Nichols mit einem Bild aus dem Serengeti-Nationalpark in Tansania. Sechs Monate lang folgte Nichols einer Gruppe Löwen; daher liessen sie ihn sehr nahe an sich herankommen. Auf dem Siegerbild lagern fünf Löwinnen mit ihren Jungen derartig malerisch auf einem grossen Felsen, dass man denken könnte, der US-Amerikaner hätte jeder von ihnen eigens einen Platz zugewiesen. Zudem hat er das Bild in Schwarz-Weiss veröffentlicht, das verstärkt den ästhetisch-künstlerischen Charakter deutlich.

Natural History Museum: 50 Jahre Wildlife-Fotografien des Jahres. Wie sich die Naturfotografie zur Kunst entwickelte, Knesebeck 2014, 256 S., Fr. 66.90

Pieksige Angelegenheit: Ein Löwe im Kampf mit zwei Stachelschweinen. (Bild: B. Wilkens/Knesebeck)

Pieksige Angelegenheit: Ein Löwe im Kampf mit zwei Stachelschweinen. (Bild: B. Wilkens/Knesebeck)

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