Vom Albtraum, Mensch zu sein

«Erwachen im 21. Jahrhundert» heisst der Débutroman von Jürg Halter. Er erzählt von einem, der nicht schlafen kann. Das ist quälend – zuweilen auch für die Leser.

Tina Uhlmann/SDA
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Schriftsteller Jürg Halter lässt seine Romanfiguren mit warmen Schweineherzen jonglieren. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Schriftsteller Jürg Halter lässt seine Romanfiguren mit warmen Schweineherzen jonglieren. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Seit Josephine nicht mehr da ist, weiss Kaspar nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. «Ob er ins Herz gestürzt ist?», fragte er sie in einem Brief, den er nie abgeschickt hat. Denn Josephine musste vor Jahren untertauchen. Jetzt liest Kaspar seinen Brief wieder, nachts «in einem Zimmer mitten in Europa». Morgen will er aufbrechen an die französische Atlantikküste, zu «den Anderen». Letztere sind ungefähr so greifbar wie die verschwundene Josephine. Sie wollen einen Weg finden, den selbstmörderischen Lauf der Welt zu stoppen. Oder einen Ausweg für sich selbst.

Alles findet in Kaspars Kopf statt

Dies ist der Rahmen, in dem Jürg Halter – Berner Dichter, Sprechsänger, Theaterschreiber und nun auch Romancier – die Handlung einbettet. Alles findet in Kaspars Kopf statt. Sein Kopf ist mal das Zimmer, das sich laufend verwandelt, dann der Zug Richtung Brest, dann das Mittelmeer, in dem Menschen ertrinken und Kaspar selber untergeht, sich aber im letzten Moment am Badewannenrand hochhieven kann. Niemand da, der ihn tröstet, nur der smarte Toilettendeckel spricht zu ihm. Und natürlich sein Smartphone. Sie alle sammeln Daten, die irgendwann gegen ihn sprechen werden.

Tschüss, Alter Ego

Schon immer hat Jürg Halter die Realität ins Surreale verdichtet, in Bilder von so schrecklicher wie poetischer Natur. In diesem Sinne ist und bleibt er Dichter, auch wenn er Prosa schreibt. Oder auf der Bühne rappt. Jürg Halter hat sich seines Pop-Alter-Egos entledigt, um sich wie der Romanheld Kaspar in sein Zimmer zurückzuziehen vor der Welt, die ihn verrückt macht. Davon zeugt dieser erste Roman. Mit ihm lässt er sich nun wieder vernehmen als mahnende, ja politische Stimme.

Eifersüchtiger Algorithmus

Kaspar erwacht aus einem Erdbebentraum. Hält das Nachbeben aus. Setzt sich vor den Computer, um vor dem Aufbruch «Ordnung zu schaffen in meinem Kopf». Doch das geht nicht, denn der Kopf ist geflutet von Informationen, die in monströse Fantasien münden. Kaspar wähnt sich in einem Schlachtkurs, in dem der Kursleiter mit noch warmen Schweineherzen jongliert, und unterhält sich mit einem eifersüchtigen ­Algorithmus, dem er glücklicherweise noch knapp überlegen ist.

Man kann sich beim Lesen treiben lassen vom Bewusstseinsstrom, der alles mit sich reisst – islamistischen Terror, Cybersex, Ökonomisierung. Kaspar bricht auf nach Brest. Ein Brief von Josephine lässt ihn wissen, dass sie dort sein wird. Und hier wird klar: Auch Josephine ist nur eine von Kaspars Kopfgeburten. Der Mensch ist und bleibt allein.

Jürg Halter: Erwachen im 21. Jahrhundert. Roman. Zytglogge, 232 S., Fr. 30.-

Lesung und Gespräch mit Jürg Halter. lit.z, Stans, Alter Dorfplatz 3, Donnerstag, 20. September, 19.45 Uhr. www.lit-z.ch