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Erker: Vom Abort zum Statussymbol

Claudia Reeb hat in ihrer Dissertation die Erker des Bodenseeraums erstmals wissenschaftlich umfassend untersucht. Sie entdeckte darauf grüne Männer und Zauberpflanzen und fand heraus, dass ohne kostengünstiges Glas keine Erker entstanden wären.
Christina Genova
Die Kunsthistorikerin Claudia Reeb hat die Erker im Bodenseeraum untersucht. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Die Kunsthistorikerin Claudia Reeb hat die Erker im Bodenseeraum untersucht. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

«Für mehr Bekommlichkeit, Luft und Licht». Bequemlichkeit, Luft und Licht – das sind die drei meistgenannten Gründe, die Hausbesitzer in ihren Baugesuchen für Erker anführen. Das Zitat ist dem Titel von Claudia Reebs kürzlich publizierter Dissertation entliehen. Die St. Galler Kunsthistorikerin, die im Kunstmuseum Appenzell arbeitet und Kuratorin der Kunsthalle Wil ist, hat darin die profanen Erker in Städten im Bodenseeraum untersucht und verglichen. Dies nicht nur in Städten mit direktem Seeanstoss wie Konstanz, Rorschach, ­Arbon, Steckborn oder Stein am Rhein, sondern in all jenen Orten des Gebiets, die enge wirtschaftliche und politische Beziehungen zueinander pflegten. Schaffhausen, St. Gallen und Zürich gehören deshalb ebenfalls dazu. Sie verfügen über die grösste Anzahl an Erkern.

Claudia Reeb lief mit dem Stadtplan in der Hand zum Teil an mehreren Tagen die Gassen auf der Suche nach Erkern ab. Zu Vergleichszwecken reiste sie auch nach Lyon und Nürnberg: «Es machte viel Spass, war aber auch Knochenarbeit», erzählt die Kunsthistorikerin. Insgesamt sammelte sie Daten zu rund 1000 Erkern, 500 davon fanden Eingang in ihre Auswertungen. Fünf Jahre Arbeit stecken in ihrer Doktorarbeit.

Ursprünglich dienten sie der Verteidigung

Die vermögenden Bauherren erwähnen in ihren Baugesuchen kaum, dass es ihnen beim Bau dieser auskragenden Vorbauten aus Stein, Holz oder Fachwerk auch um Prestigegewinn oder Repräsentation geht: «Sie spielten es herunter», sagt Claudia Reeb. Doch nicht zuletzt sind Erker Zeichen eines wachsenden bürgerlichen Selbstbewusstseins gegenüber dem Adel, der an Bedeutung verloren hat. Es ist eine der Entwicklungen, welche die Kunsthistorikerin zum ersten Mal vertieft diskutiert und verantwortlich dafür macht, dass man im Spätmittelalter damit begann, Wohnbauten nachträglich mit Erkern zu schmücken. Erker stammen ursprünglich aus der Wehrarchitektur. Der Begriff leitet sich vom lateinischen «Arcuarium» ab, was Mauerausbuchtung oder Schiessscharte bedeutet. Auch als Abortanbau ist dieses Bauelement zuvor bekannt.

Kein Glas vor dem 15. Jahrhundert

Die zweite Voraussetzung für die Entstehung von Erkern ist die Herstellung von Glas in ausreichender Qualität und Menge zu einem erschwinglichen Preis, um die Fenster verglasen zu können. Dies war erst im 15. Jahrhundert der Fall. Entsprechend stammen die ältesten noch erhaltenen Erker im Bodenseegebiet aus jener Zeit, in Konstanz zum Beispiel von 1480. Im 18. Jahrhundert verlor man in den meisten Städten das Interesse am Bau von Erkern.

Erker aus Holz sind in Rorschach und St.Gallen zu finden.

Erker aus Holz sind in Rorschach und St.Gallen zu finden.

Claudia Reeb, die seit rund dreissig Jahren in St. Gallen lebt, haben Erker schon immer fasziniert. Doch erst die Bekanntschaft mit Béatrice Keller, die in den 1980ern zur Wortherkunft der Erker dissertiert hatte, bestärkte sie in ihrem Interesse und zeigte ihr auf, dass es noch viel Forschungsbedarf gab. Tatsächlich schliesst die Kunsthistorikerin mit ihrer Doktorarbeit eine Lücke, denn bisher wurden die Erker im Bodenseeraum noch nicht umfassend wissenschaftlich untersucht. Entsprechend erfreut zeigten sich die Ämter für Denkmalpflege der Kantone St. Gallen, Thurgau und Schaffhausen über die Datensätze, die Claudia Reeb ihnen zur Verfügung stellte. Ihre Dissertation ist ausserdem in der St. Galler Kantonsbibliothek Vadiana in gedruckter und digitaler Form greifbar. Zu wünschen wäre, dass sie auch als gedruckte Verlagspublikation erscheint.

Das Bodenseegebiet ist europäisch vernetzt

Wegen des engen wirtschaftlichen und kulturellen Austausches der Bodenseestädte ging Claudia Reeb von der Vermutung aus, dass deren Erker grosse Ähnlichkeiten untereinander aufweisen. Eine Hypothese, die sich grösstenteils nicht bestätigen liess. Fast in jeder Stadt finden sich individuelle Ausprägungen von Erkern, wohl weil deren Schmuck meist von örtlichen Handwerkern ausgeführt wurde. Mehreckige Turmerker gibt es zum Beispiel nur in Schaffhausen, Runderker sind hingegen eine Spezialität St. Gallens. Typisch für St. Gallen sind ausserdem die prunkvoll geschnitzten Holzerker, die sonst nur in Rorschach vorkommen. Die kleine Stadt lehnte sich stark an die Tradition des grossen Nachbarn an.

Reeb hat sich auch als erste eingehend mit den verschiedenen Dekorformen an Erkern auseinandergesetzt. Dabei stellte sich heraus, dass Pflanzenmotive wie Blumen oder Fruchtgirlanden geografisch nicht auf einen Ort beschränkt sind. Einzig Eicheln und Tulpen finden sich nur in Schaffhausen. Ein Motiv, die als Zauberpflanze geltende Alraunwurzel, hat die Kunsthistorikerin gar neu entdeckt. Was andere Schmuckelemente anbelangt, hatte man in Schaffhausen im Gegensatz zu St. Gallen eine Vorliebe für Wappen. Interessant ist auch das Motiv des «Grünen Mannes», dem Blattranken aus dem Mund wachsen. Es ist wie viele andere Dekorelemente auch aus anderen Regionen Europas überliefert:

«Die differenzierten und teils detailreichen Bildprogramme und Motive an den Erkern im Bodenseegebiet zeigen, dass sie in einen Kontext eingebettet waren und Einflüsse aufgenommen haben»

Der Kunsthistorikerin gelang es in ihrer Untersuchung ausserdem zu belegen, dass einige überkommene Theorien über Erker nicht den Tatsachen entsprechen. Zum Bespiel ergab eine Grundrissanalyse, dass Erker anders als in der Literatur erwähnt, nicht generell in der Gebäudemitte angebracht wurden, sondern dort, wo sich die repräsentative Stube befand.

Auch was das Licht angeht, täuschten sich die Zeitgenossen von damals: Moderne Messungen haben ergeben, dass sich die Lichtmenge in den Wohnzimmern wegen der Erker nicht erhöht, sondern gar verringert.

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