Voller Hingabe an die Musik

Seit Jahrzehnten erkundet Ton Koopman die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Mit einem Mozart-Programm und mit seinem Amsterdamer Orchester und Chor ist er jetzt in St. Gallen aufgetreten. Eine Begegnung.

Rolf App
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Ein ausserordentlich lebendiger Gesprächspartner: Ton Koopman, Dirigent, Cembalist und Organist, vor seinem Auftritt in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Ein ausserordentlich lebendiger Gesprächspartner: Ton Koopman, Dirigent, Cembalist und Organist, vor seinem Auftritt in St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Als erstes treffen wir vor der St. Galler Tonhalle zwei Musiker des Amsterdam Baroque Orchestra an, die den Künstlereingang suchen. «Möchten Sie nicht mitproben?», fragt einer der beiden, als wir es dann geschafft und eine unverschlossene Tür gefunden haben, «ich hätte noch eine Flöte dabei.» Dann steht Ton Koopman da, weisshaarig, gutgelaunt und sehr lebendig. Und auch er ist mit einer grossen Portion Humor gesegnet.

Schon jetzt strahlt der Holländer diese muntere Unternehmungslust aus, mit der er am Abend im Konzert der Reihe «Migros Kulturprozent Classics» Mozarts frühe Sinfonie KV 133, dessen Krönungsmesse KV 317 und als Höhepunkt das Requiem KV 626 dirigieren wird.

«…dann ist es nie zu viel»

Mit Schwung wischt Koopman auch die erste Frage vom Tisch: Abend für Abend ein Konzert – ob das nicht zu viel sei für ihn, den am 2. Oktober siebzig Gewordenen? «Aber nein», sagt er, «wenn der Beruf Hobby ist, dann wird es nie zu viel.» Und überhaupt würde ihn das Dirigieren allein niemals ausfüllen. Deshalb sei er auch noch als Cembalist und Organist unterwegs, unterrichte an der Universität Leiden und versuche ein Buch zu schreiben. «Man muss sich nur gut organisieren, dann geht das schon.»

Eine riesige Bibliothek

Zu Hause schliesslich, im stillen Dorf Bussum, zwanzig Bahnminuten von Amsterdam, gebietet er über eine enorme Bibliothek, die mittlerweile zu einem eigentlichen Forschungszentrum für die Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts geworden ist. Wenn Koopman unterwegs ist, sucht er überall die Antiquare heim und sammelt, was immer Einblick verspricht in jene Zeit, in der zu leben er sich selber durchaus vorstellen könnte («allerdings mit unserer heutigen medizinischen Versorgung»).

Von diesem Bücher-, Partituren- und Manuskripteschatz zehrt er, wenn er sich einem Stück zuwendet. Dann liest er Briefe, Dokumente, Biographien, Dissertationen – alles, was den Blick erlaubt in die Welt und die Gefühle eines Komponisten. Vor allem aber sind es die Noten, die ihn beschäftigen. «Wenn ich sie besitze, dann nehme ich die Originalpartitur zur Hand. Bei Mozarts Requiem zum Beispiel gilt es auseinanderzuhalten, was noch von ihm ist und was von Franz Xaver Süssmayer, der es nach Mozarts Tod vollendet hat. Da und dort habe ich etwas korrigiert – bei Süssmayer, nicht bei Mozart.»

Denn Mozart bleibt unantastbar. Wie Johann Sebastian Bach, nicht nur für ihn «der Grösste von allen», und wie der weithin unterschätzte Dietrich Buxtehude. «Ich strebe danach, eine Komposition zu verstehen, und ich will ihrem Schöpfer einen Dienst erweisen.»

In Freundschaft verbunden

Wolfgang Amadeus Mozart war gerade sechzehn, als er die Sinfonie C-Dur KV 133 komponierte. Sie steht am Beginn des abendlichen Konzertes. Mit federndem Schritt betritt Ton Koopman die Bühne, er dirigiert ohne Taktstock ein Orchester, mit dessen Musikern ihn eine teilweise schon 35 Jahre dauernde Freundschaft verbindet.

Zwei Trompeten verleihen dem Werk höfischen Glanz, ihr Wechselspiel mit Hörnern und Streichern prägt den abwechslungsreichen ersten Satz. Der junge Mozart setzt kräftige Akzente, und auch Ton Koopman liebt die Kontraste. Munter, manchmal auch heftig fallen die Instrumente einander ins Wort, und schon jetzt nehmen die historischen Instrumente mit ihren ungewöhnlich reichen Klangfarben die Zuhörer gefangen.

Mit der Krönungsmesse C-Dur KV 317 betritt der Chor die Bühne, mit ihm die Solisten Johannette Zomer (Sopran), Bogna Bartosz (Mezzosopran), Jörg Dürrmüller (Tenor) und Klaus Mertens (Bass). Der Kontrast zwischen der fröhlichen Messe und dem Requiem ist enorm. Jetzt zieht der Chor das ganze Register seines Könnens.

Hingebungsvoll musiziert

Im Orchester hört man jedes Instrument, beim Chor versteht man jedes Wort. Und unter den Solisten bieten Jörg Dürrmüller und Klaus Mertens mit ihren kontrastierenden Stimmen ein besonderes Schauspiel.

Mozarts Requiem wühlt auf, auch noch 223 Jahre nach seiner Entstehung. Es rührt an tiefere Gefühlsschichten – wenn es so hingebungsvoll musiziert und gesungen wird wie hier.