Volksstück mit Leuchtstift

Bertold Brechts «Herr Puntila und sein Knecht Matti» am Zürcher Theater Neumarkt ist unterhaltsam. Aber Regisseur Peter Kastenmüller kann nicht klarmachen, was am Stück noch relevant ist.

Tobias Gerosa
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Die Neumarkt-Inszenierung verlegt «Herr Puntila und sein Knecht Matti» stilistisch in die 1970er-Jahre. (Bild: Cristiano Remo Zimmermann)

Die Neumarkt-Inszenierung verlegt «Herr Puntila und sein Knecht Matti» stilistisch in die 1970er-Jahre. (Bild: Cristiano Remo Zimmermann)

Riesig, fett, mit Zähnen in alle Richtungen und glühend roten Augen hängt sie hinten auf der Bühne: eine Ratte. Ihr Schwanz windet sich nach vorn, und da sind gleich noch zwei davon. Die Ratte verschlingt Puntilas Tochter, die Ratte ist Puntila – jedenfalls kriecht er einmal aus und zum Schluss in sie hinein. Die Symbolik von Janina Audicks Bühne ist drastisch in Peter Kastenmüllers Inszenierung und nicht nur sie.

Bertold Brechts 1948 am Schauspielhaus uraufgeführtes Stück über den Gutsherren spielt mit Schwank-Elementen, das nimmt die Neuinszenierung auf und lässt die Darsteller teilweise masslos überzeichnen. Durchaus lustvoll, muss man sagen.

70er-Outfit und Slapstick

Der Titelheld leert im Verlauf der Aufführung unzählige Flaschen Schnaps, weil nur besoffen ist er menschlich. Aber manchmal hat er «Anfälle», dann wird er nüchtern und macht, was ein Gutsbesitzer halt so machen muss. Besoffen verbrüdert er sich mit seinem Chauffeur, nüchtern überführt er ihn als Dieb. Alkoholisiert lädt er die Arbeiterfrauen zur Verlobung ein, im «Anfall» schikaniert er sie und gibt ihnen nicht einmal Kaffee. Schliesslich will er mit genügend hohem Spiegel auch seine Tochter statt dem standesgemässen, aber sehr blassen Attaché dem Chauffeur zur Frau geben: Menschen im Sinne von Partnern gibt es nur im Rausch.

Brecht wollte ein Volksstück, das zeigt, wie Chef oder Besitzer oder Kapitalist und gleichzeitig menschlich zu sein, nicht möglich ist. Alle Szenen variieren die Grundannahme, hier im Outfit der 1970er (Kathi Maurer) – dafür sind zwei Stunden doch eher lang. Es ist durchaus vielversprechend, wie Martin Butzke als Puntila die Änderung des Zustandes nicht veräusserlicht, sondern in kleinen körpersprachlichen Änderungen und die Sprache verlegt. Brüllen tut eher sein Knecht Matti, der bei Simon Brusis zwar ein lustiger Prolet mit akuter Tendenz zum Slapstick, aber entsprechend der Vorlage unfassbar bleibt und kein Sympathieträger ist (muss die Inszenierung ihn deswegen so schal verschwinden lassen?).

Weil aber im Grunde gar nichts läuft, dreht die Inszenierung an der Schwankschraube, macht alles sehr deutlich und überzeichnet. Eva ist bei Hanna Eichel nichts als eine Barbiepuppe, Maximilian Kraus macht den Attaché so farblos wie möglich, dreht aber als brustbehaarte Schmuggleremma umso mehr auf. Man karikiert auch sprachlich, obwohl Brecht in seinen Anmerkungen meinte, sie müssten gesprochen werden wie Gedichte. Man stolpert und baut auch mal eine Zote zusätzlich ein.

Verfremdung mit Textmarker

Als Verfremdung funktioniert das. Die Songs, die sehr dreckigen Bluesnummern, in denen Michael Fehr aus dem Publikum kommend Puntilas Reden wiederholt, oder die von Jana Rüger als Apothekerfräulein episierend (und doch aus dem Spiel, meistens) eingestreuten Erzähler-Passagen unterbrechen die Handlung auffällig wie ein Leuchtstift einen Text – aber führen sie auch zu mehr als unterhaltenem Lächeln? Jedenfalls wurde der Vertrag des inszenierenden Hausherrn Peter Kastenmüller eben um zwei weitere Jahre verlängert, nachdem die Zuschauerzahlen wieder markant gestiegen sind.