Vogel ohne Käfig

Hörbar Jazz Der Bebop-Überflieger Charlie Parker, den sie Bird nannten, starb 1955 im Alter von bloss 34 Jahren.

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Hörbar Jazz

Der Bebop-Überflieger Charlie Parker, den sie Bird nannten, starb 1955 im Alter von bloss 34 Jahren. Er hinterliess jedoch ein OEuvre, das nach wie vor Modellcharakter hat und dem sich nun mit dem Tenorsaxophonisten Joe Lovano ein gleichermassen traditionsbewusster wie tollkühner Musiker annimmt. Nach «Folk Art» ist «Bird Songs» der zweite Streich von Lovanos Band Us Five, zu der zwei (!) Schlagzeuger (Otis Brown, Francisco Mela), James Weidman am Klavier und Esperanza Spalding am Bass gehören.

«Bird Songs» ist, wie bei Lovano selbstverständlich, alles andere als eine konventionelle Hommage geworden. Lovano befreit sich aus dem Bebop-Käfig, indem er den Stücken Parkers eine mal mehr, mal weniger radikale neue Lesart angedeihen lässt. Überraschende Tempo- und Rhythmusänderungen (zum Beispiel «Donna Lee» als Ballade oder «Yardbird Suite» als Walzer), aber auch regelrechte Dekonstruktionen (wie etwa «Ko Ko» als furiose Trio-Nummer ohne Klavier und Bass) und eine quasi-polyphone Collage aus drei Blues-Nummern sorgen für Abwechslung und heisse Ohren.

Joe Lovano: Bird Songs, Blue Note

Sax mit Schnupfen

Der deutsche Tenorsaxophonist Johannes Enders ist ein grosser Mann mit grossem Mut. Statt als virtuoser Prachtskerl aufzutrumpfen (was er allerdings ohne Probleme ebenfalls könnte), vertraut er auf seiner neuen Aufnahme ganz auf die subtile Kraft einer introspektiven Expressivität.

Mit einem zu verschnupfter Heiserkeit tendierenden Sound und mit fragmentarisch wirkenden Linien erzeugt er eine latente Spannung, die nie vollständig zum Ausbruch kommt und die einen gerade deswegen umso kribbeliger macht. Der Pianist Jean-Paul Brodbeck, der Bassist Milan Nicholic und der Schlagzeuger Billy Hart setzen Enders' Vorgaben, die mehrheitlich gemächlich daherkommen und teilweise über Pop-Song-Appeal verfügen, kongenial um, das heisst: Sie schaffen an der Oberfläche eine Ruhe, unter der es leidenschaftlich brodelt.

Insbesondere Hart wartet immer wieder mit absolut überraschenden (rhythmischen und klanglichen) Akzenten auf. Paradox, aber wahr: Gerade in Kontexten, in denen sich dieser tollkühne Meistertrommler Zurückhaltung auferlegen muss, wirkt sein unorthodoxes Spiel besonders stark und charismatisch.

Johannes Enders: Billy Rubin, Enja

Tom Gsteiger