Coronavirus

Virus reimt sich auf Rassismus: Die Angst vor der «Gelben Gefahr»

Die Angst vor der «Gelben Gefahr» erschwert nicht nur die Seuchenbekämpfung – sie ist selbst eine Plage.

Hannes Nüsseler
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Die «Gelbe Gefahr» in Person: Boris Karloff als chinesischer Schurke in «The Mask of Fu Manchu» (1932).

Die «Gelbe Gefahr» in Person: Boris Karloff als chinesischer Schurke in «The Mask of Fu Manchu» (1932).

Keystone

Die Inkubationszeit betrug nur wenige Tage. Kaum war das Covid-19-Virus mit einem chinesischen Ehepaar nach Italien gelangt, ging es mit der Ansteckung auch schon los: In Windeseile verbreiteten sich Anfeindungen und Ressentiments gegen die asiatische Bevölkerung um den ganzen Globus. Restaurants wurden gezielt für Kundschaft mit chinesischen Wurzeln gesperrt, Aufrufe gestartet, chinesische Kaufläden zu meiden.

Donald Trump spricht vom «chinesischen Virus». In Deutschland wurde eine 23-jährige Chinesin bespuckt und getreten, in Frankreich berichteten Betroffene unter #JeNeSuisPasUnVirus von Anfeindungen. Auch vor der Schweiz machte die Gehässigkeit nicht halt: Brian Havarie, ein Berner Influencer mit vietnamesischen Wurzeln, wurde mit beleidigenden Kommentaren eingedeckt und als «Corona-Boy» bezeichnet. Am deutlichsten zutage trat das Ressentiment in einer französischen Lokalzeitung, die den Ausbruch der Epidemie mit «Alerte jaune» betitelte – gelber Alarm.

Das Unbehagen am chinesischen Drachen

Die Angst vor der «Gelben Gefahr» treibt den Westen schon lange um. Einst als mythisches Land der Weisheit und Erfindungsgabe bewundert, wurde die geschwächte Grossmacht China im 18. Jahrhundert vom britischen Empire zum Absatzmarkt für Opium herabgewürdigt. Als das Kaisertum aufbegehrte, wurde der Widerstand unter Berufung auf den Freihandel mit Kanonenbooten zusammengeschossen, der Zugang zu den Häfen gewaltsam erzwungen. Das Unbehagen an der schieren Grösse des chinesischen Drachens aber blieb. «Wenn China erwacht, zittert die Welt», wird Napoleon in den Mund gelegt.

Die Demütigung durch die Kolonialmächte und eine Reihe von Hungersnöten trieben chinesische Männer in Scharen aus dem Land. Viele suchten Zuflucht in Gum San, dem Goldenen Berg, wie die USA zu Zeiten des Goldrausches genannt wurden. Doch die billigen Arbeitskräfte weckten zwiespältige Gefühle. Einerseits war ihre Hilfe hochwillkommen, beispielsweise beim transkontinentalen Eisenbahnbau. Andererseits wurde die Konkurrenz von den Gewerkschaften verunglimpft – als schmutzige «Kulis», Träger gefährlicher Erreger.

Besonders die Chinatown genannten Gettos in den Hafenstädten galten als Bedrohung für die öffentliche Gesundheit. Hier lebten chinesische Arbeiter – der Familiennachzug war verboten – in prekärsten Verhältnissen. Bandenkriminalität, Prostitution und Drogenhandel florierten, und um die Jahrhundertwende brach im Hafen von San Francisco tatsächlich eine Seuche aus: Zwischen 1900 und 1904 starben mehr als hundert Menschen an der Beulenpest, die meisten davon Chinesen.

Infektionskrankheit als chinesisches Problem

Die Seuche stammte aus dem chinesischen Hinterland, wo sie über ein Jahrhundert zuvor ausgebrochen war und nun über die globalisierten Handelsrouten den Weg in die USA fand. Die erste Reaktion der Behörden bestand darin, die von Flöhen übertragene Infektionskrankheit als chinesisches Problem abzutun. Wertvolle Zeit ging verloren, in der sich die Seuche ausbreitete. Nachdem eine Feuersbrunst San Francisco 1906 eingeäschert hatte, wurde das alte Hafenviertel wieder aufgebaut, als malerische Touristenattraktion einer weissen Stadtplanung. Der schlechte Ruf von Chinatown blieb (siehe unten).

Ihre definitive Gestalt fand die Fremdenangst wenig später im imperialen London. Der junge Journalist Arthur Henry Ward, besser bekannt als Sax Rohmer, fasste kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Auftrag, aus dem Leben der chinesischen Gemeinschaft in der Londoner Chinatown zu berichten. Da er wenig Spektakuläres fand, ersann Rohmer kurzerhand einen Bösewicht für seinen ersten Groschenroman: Dr. Fu Manchu, die «Gelbe Gefahr in Person».

Der Giftmischer und Wissenschafter mit dem markanten Schnauzbart strebt nach Weltherrschaft und bedient sich dabei exotischer Hilfsmittel. Zu seinen Verbündeten gehören Giftschlangen, Pilzkulturen – und Bazillen. In «The Bride Of Fu Manchu» entfesselt er eine mysteriöse Seuche in Südfrankreich. Rohmer, der sich damit brüstete, nichts über China zu wissen, setzte 20 Millionen Bücher seiner Fu-Manchu-Serie ab, die über Kino, Fernsehen, Radio und Comic Eingang in das kollektive Gedächtnis fand. 1959 starb Rohmer – Ironie des Schicksals – an der asiatischen Grippe.

Die Sehnsucht nach einem Bösewicht

Sein Bösewicht aber bleibt wirkmächtig, als «Flu Manchu» (von Englisch «flu», Grippe), oder in Wendungen wie «Wuhan Virus» und «chinesisches Virus». Er bedient die Sehnsucht nach einem Schuldigen, wie ihn Verschwörungstheoretiker in chinesischen Labors wähnen, oder steht als Sinnbild für ein fehlgeleitetes gesellschaftliches Experiment. «Flu Manchu» bedroht unsere Wirtschaft und unsere Kultur, indem er die totalitäre DNA eines autokratischen Herrschaftssystems in unsere Demokratie trägt: Einschränkung der Mobilität und persönlicher Freiheitsrechte. Dass sich der Erreger auf den Bahnen globaler Wirtschaftsinteressen bewegt und sich weder geografisch noch ethnisch festmachen lässt, wird dabei ausgeblendet.

Ob Schweinegrippe, Vogelpest oder Corona: Bei Seuchengefahr sieht der Westen gelb.

«Vergiss es, das ist Chinatown»

Selten wird es im Kino düsterer, als wenn in Chinatown die Lampions angehen. Vor allem das chinesische Viertel von San Francisco hat es der westlichen Angstlust angetan. Grund dafür ist seine bewegte Geschichte, zu der nicht nur Epidemien und Feuersbrünste gehören, sondern auch die Bandenkriminalität: Von den chinesischen Einwanderern gegründet, sollte die sogenannte Tong-Organisation das Leben der Neuankömmlinge erleichtern. Unter dem Druck anhaltender Diskriminierung korrumpierte die chinesische Gesellschaft allerdings und suchte ihr finanzielles Heil in Spielhöllen, Prostitution und Opiumhandel.

In dieses Zwielicht führte der erste Tonfilm von Harold Lloyd, dem ewigen Streber unter den Stummfilm-Komikern. In «Welcome Danger» (1929) stürzt sich Lloyd als Botanik-Student in die Unterwelt San Franciscos, um den «Drachen», Kopf einer Schmugglerbande, zu fassen. Chinatown präsentiert sich als labyrinthisches Höhlensystem voller Falltüren, das von Halsabschneidern überquillt. Obwohl sich der Bandenführer als scheinbar respektabler, weisser Bürger entpuppt, verursachte «Welcome Danger» bei seiner Aufführung in China einen diplomatischen Zwischenfall.

Chinesischer Konsul war not amused

Empört über die stereotype Darstellung ihrer Landsleute, sorgte die Nationale Volkspartei Chinas für ein Filmverbot. Der chinesische US-Konsul verlangte von Lloyd eine persönliche Entschuldigung, was dieser zunächst ablehnte: Wenn man sich neuerdings entschuldigen müsse, wen solle man dann noch ins Bockshorn jagen? Zuletzt knickte der Komiker doch ein, und die chinesische Filmzensur trug ihren ersten grossen Sieg davon. Seither wird der Zugang westlicher Filmproduktionen zum chinesischen Markt streng reguliert.

Über ein halbes Jahrhundert später sah Chinatown immer noch gleich aus, ohne das Opium, dafür mit schwarzer Magie. In «Big Trouble in Little China» (1986) sind die weissen Darsteller zwar in der Minderzahl, doch ihr Dämlack von einem Helden stiehlt wieder allen die Show. Die Actionkomödie kam als «weisses Produkt» schlecht an beim asiatischen Publikum; für Regisseur John Carpenter bedeutete der Filmflop das Hollywood-Aus.

Am heimtückischsten aber ist San Franciscos Chinatown in dem Film, der das chinesische Viertel zwar in seinem Titel trägt, aber kaum zeigt. Der Neo-Noir-Thriller «Chinatown» (1974) von Roman Polanski verwebt zwei Kriminalfälle miteinander, an denen keine Chinesen beteiligt sind. Trotzdem steht Chinatown als Chiffre für den moralischen Verfall, der die ganze Gesellschaft infiziert hat und an dem der ermittelnde Privatdetektiv scheitert. «Vergiss es, Jake», heisst es zuletzt. «Das ist Chinatown.»