Virtuose des ewigen Augenblicks

Bettina Kugler
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Marcel Proust (1871–1922). (Bild: Getty)

Marcel Proust (1871–1922). (Bild: Getty)

Proust Gerade lachen sie sich wieder ins Fäustchen: Feuilletonisten und Berufsleser, die gern damit kokettieren, für Marcel Prousts siebenbändigen Mammutroman «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» bislang noch keine Zeit gefunden zu haben. Man sollte unbedingt einmal, weil es die intellektuelle Biografie doch sehr veredelt, wie Joyces «Ulysses» ... Dann aber ist dem eiligen Zeitgenossen die nächste Staffel irgendeiner TV-Serie doch wichtiger; darüber lässt sich einfach besser Small Talk machen. Zumal Proust schon zu Lebzeiten dem Erfolg auf die Sprünge helfen musste: mit einer selbstverfassten Lobeshymne auf der Titelseite des «Figaro», für deren Veröffentlichung er umgerechnet 1000 Euro hinblätterte. Er konnte sich das leisten, hätte es aber nicht nötig gehabt. Ob nun seine wunderbar mäandernden Sätze mit dem Asthma zu tun haben, das ihn plagte, oder ob ein Genie so schreibt, wenn es fast zwanzig Jahre lang im Bett liegt, die Wände mit Kork gegen den Lärm der Welt abgedämmt, um in die Tiefe der Dinge, der Menschen und Erinnerungen zu lauschen: Spielt das eine Rolle? Das Werk Prousts spricht für sich. Nebenbei schrieb er 90000 Briefe, in einem nur 51 Jahre währenden Leben. Grund genug, früh zu Bett zu gehen und spät das Licht zu löschen: mit Prousts gesammelten Werken auf dem Nachttisch.

Bettina Kugler