Vielsaitig bewegt

«Strings», Streicher in diversen Besetzungen, geben den Ton an im neuen dreiteiligen Ballettabend am Opernhaus Zürich: Ein virtuoses Rendez-vous zwischen Tänzern und Musikern.

Bettina Kugler
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Beinahe wie Paarläufe auf dem Eis: Katja Wünsche und Matthew Knight in der Choreographie «Chamber Minds» von Edward Clug. (Bild: Gregory Batardon/Ballett Zürich)

Beinahe wie Paarläufe auf dem Eis: Katja Wünsche und Matthew Knight in der Choreographie «Chamber Minds» von Edward Clug. (Bild: Gregory Batardon/Ballett Zürich)

Die Geigerin Hanna Weinmeister leistet zwei Stunden lang Schwerstarbeit an diesem leichtfüssigen, oft geradezu schwerelos auf zerbrechlichen Tönen schwebenden Abend. Sie spielt in allen drei Stücken, die Ballettdirektor Christian Spuck unter dem Titel «Strings» zu einem tänzerisch hochkomplexen Programm vereint hat: Neben seiner eigenen Choreographie «Das siebte Blau» (entstanden im Jahr 2000 für das Stuttgarter Ballett) sind das William Forsythes «Workwithinwork» als Schweizer Erstaufführung und «Chamber Minds» des Slowenen Edward Clug, eine Uraufführung zu Musik von Milko Lazar.

Lazars «Ballettsuite für Violine und Cembalo» bewegt sich raffiniert zwischen barocker Tradition, motorischen Patterns der Minimal Music und jazzigen Einsprengseln – was sich in den ironischen Pointen der Tänzer auf der Bühne auf stets überraschende Weise spiegelt. In Naoki Kitaya am Cembalo hat Hanna Weinmeister den kongenialen Partner: zwei Saitentänzer sind sie, am Rande und mittendrin.

Tanz unter dem Mikroskop

Die Geigerin, erste Konzertmeisterin am Opernhaus Zürich, agiert hier so frisch und springlebendig, als hätte sie nicht bereits drei intensive Schubert-Sätze und Luciano Berios «Duetti per due violini» (mit Xiaoming Wang) hinter sich: vertrackte Miniaturen, die auch den Tänzern in immer neuen Partnerschaften und Konstellationen äusserste Virtuosität abverlangen.

Für den Zuschauer ist Forsythes «Workwithinwork», 1998 von seiner damaligen Kompagnie in Frankfurt uraufgeführt, ein Blick unter das Mikroskop der Bewegungskunst: Tanz in Reinform, hellhörig für die Feinstrukturen der musikalischen Splitter von Berio. Umso stärker leuchten die Farbtupfer von Kostümdesigner Stephen Galloway in Purpur, Blau, Moosgrün. Kein bisschen zu viel: Nichts lenkt ab vom dichten Ineinander szenischer Variationen en miniature.

Edward Clugs «Chamber Minds» spielt den Abend nach Forsythes eher sprödem Stück ins wohldosiert Witzige. Bühnenbildner Marko Japelj hat dafür die Saiten sichtbar über den Tänzern aufgezogen: Zwischen zwei weissen Seitenwänden sind sie höhenverstellbar eingespannt, zeichnen immer neue Muster und Schatten auf den sonst leeren Bühnenraum. Aufgebaut ist «Chamber Minds» in kammerspielartige Sequenzen, manche erinnern an Paarläufe auf dem Eis; dann wieder lässt Clug die Geschlechterrollen tauschen. Wie gespannte Federn bewegen sich die Tänzer im Raum, kippen urplötzlich weg, wirken wie Puppen, die wieder aufgezogen werden müssen. Unberechenbar ist dieses Stück: So folgt man ihm mit wachsender Spannung – und muss zuweilen unwillkürlich lachen.

«Der Tod und das Mädchen»

Todernst dagegen und gleichwohl schön und poetisch: Christian Spucks «Das siebte Blau» zu Beginn des Abends mit einer phänomenalen Katja Wünsche (die auch in allen anderen Stücken tanzt). Hier sitzt das Streichquartett auf der Bühne, erst im Hintergrund, dann vor den Tänzern, die sich einzeln oder paarweise aus der Reihe lösen, den Dialog aus dem Claudius-Gedicht «Der Tod und das Mädchen» umkreisend. Wie die Streicher mit dem optisch betonten Schwung ihrer Bögen.