Viele Gesichter

«…nichts anderes bist als ein Mensch mit vielen Gesichtern!», schnappt Minetti einen Gesprächsfetzen auf, der von der Gebrüder-Grimm-Statue im Zentralpark zu ihm herüberweht.

Keller & Kuhn
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«…nichts anderes bist als ein Mensch mit vielen Gesichtern!», schnappt Minetti einen Gesprächsfetzen auf, der von der Gebrüder-Grimm-Statue im Zentralpark zu ihm herüberweht.

«Na und!», ruft er und beschleunigt seinen Schritt. Als ob ihm dieser Vorwurf nicht auch schon gemacht worden wäre. Doch als er sich der Gebrüder-Grimm-Statue nähert, wo er den Sprechenden vermutet, findet er den kleinen Platz menschenleer vor.

Weiter schlendernd, übt er Gesichtsausdrücke. «Abgrundtiefer Betroffenheit» lässt er «heitere Sorglosigkeit» folgen, schickt ihr «verhaltene Wut» nach, intensiviert diese mit «falschem Schuldbewusstsein», was er in «verschlagene Bösartigkeit» kippen lässt. So wie ein Gesicht zum andern führt, passt Minetti seine Gangart automatisch dem jeweiligen Gesicht an. Mit dem Gesicht «geduldige Zuneigung» bleibt er stehen.

«Und du mit deinem einzigen Gesicht?», hält er dem leeren Park noch immer entrüstet, doch gefestigter entgegen. «Was glaubst du, wird geschehen, wenn du es verlierst?»