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Bachmannpreis-Jurorin Nora Gomringer: «Viele Autoren ertragen das nicht»

Nora Gomringer hat den Bachmann-Preis 2015 gewonnen und sitzt kommende Woche in der Kritiker-Jury. Ein Gespräch über die Einsamkeit der Schriftstellerin und das Vater-Tattoo auf dem Unterarm.
Interview: Hansruedi Kugler

Ihr Vater Eugen Gomringer ist der berühmte Erfinder der Konkreten Poesie. Sie selbst ist unterdessen noch bekannter. Die schweizerisch-deutsche Autorin Nora Gomringer, 39, ist Direktorin des Künstlerhauses im bayrischen Bamberg und Lyrik-Entertainerin mit jährlich über hundert Auftritten.

Als Bachmann-Preis-Trägerin sitzen Sie nun als Jurymitglied auf der anderen Seite. Drei Autoren haben das vor Ihnen schon gemacht und blieben höchstens zweimal.

Nora Gomringer: Das kann ich gut nachvollziehen. Viele Autoren ertragen das nicht.

Wie fühlten Sie sich vergangenes Jahr als Kritikerin?

Zunächst war es ein Privileg und eine Ehre, die Literaturkritikerin Sandra Kegel vertreten zu dürfen. Aber man ist einsam, als Autorin wie als Jurorin. Zwar sind es sich Autoren gewohnt, einsam zu sein. Aber dieses Ausgesetztsein ist besonders hart.

Ich hielt meinen Text für aussichtslos, tröstete mich aber damit, die mediale Aufmerksamkeit sei trotzdem kurz aufgeflammt

Hatten Sie 2015 auch grässliches Lampenfieber?

Nein, Lampenfieber ist nicht mein Problem, ich stehe ja oft als Sängerin und Lyrikerin auf der Bühne. Bei mir ist eher Einsamkeit das Thema, wenn ich mich ­ so mit niemandem verbunden fühle. 2015 las ich am ersten Tag. Den Auftritt mochte ich, wollte aber danach gleich wieder ­abreisen.

Warum?

Ich hielt meinen Text für aussichtslos, tröstete mich aber damit, die mediale Aufmerksamkeit sei trotzdem kurz aufgeflammt. Das Ganze ist schräg, man liefert sich medial aus. Das muss man für diese kurze Zeit aushalten.

Iso Camartin sagte einmal, das Risiko, sich zu blamieren, sei für Juroren ungleich grösser als für Autoren.

Das sehe ich genauso. Man darf nicht vergessen, für die Juroren sind das Zuhören, Reagieren und die Live-Kamera enorm anstrengend. Da ich schnell in die Falle tappe und nicht aus dem Metier stamme, bin ich da überhaupt nicht souverän.

Ich schaute letztes Jahr jede Lesung und entdeckte keine peinlichen Momente.

Für mich schon. Peinlich ist mir immer noch, dass ich Frau Sievers mit ihrem provokativen Text über eine nymphomanische Zahnärztin nicht besser ver­teidigt habe. Deshalb ist das für mich ein wunder Punkt. Ich habe mich bei ihr entschuldigt. Als Jurorin fühle ich mich, wie wenn von einem Fisch verlangt würde, plötzlich zu fliegen. Kommt hinzu: Ich fühle mich schnell überflüssig und ziehe mich dann ­zurück. Deshalb ist das Gesellschaftliche in Klagenfurt nicht mein Ding. Ich trinke keinen Alkohol, was wahrscheinlich helfen würde. Den Autoren geht es übrigens auch so. Die stehen herum wie rauchende Hunde.

Letztes Jahr haben Sie mit der Einladung von Corinna T. Sievers für Furore gesorgt. Eine hoch intelligente Autorin, die mit einem kühlen, sezierenden Blick in sexuelle Grenzbereiche schaut.

Weil ich nicht wusste, wie lange ich das bei den Bachmann-Tagen mache, gab ich mir die Losung, eine Frau einzuladen, jemand Unbekanntes sowie einen Text, der mich gleich zu Beginn irritiert. Mich faszinieren doppelbegabte Menschen wie Frau Sievers. Ich selbst schreibe viel über Sex und das Nachdenken darüber, welche Art Politik in den sexuellen Begegnungen ist, da finde ich bei dieser Autorin sehr viel Spannendes. Zudem finde ­ ich ihre sprachliche Radikalität grossartig.

Sie trugen ein T-Shirt mit dem Bachmann-Zitat, Literaturkritik sei der schlechteste Beginn einer Unterhaltung mit einem Autor.

So ist es ja auch. Ist doch ein schlechter Start, wenn man hier und dort herummäkelt.

Finden Sie denn Literaturkritik überflüssig?

Nein, gar nicht. Auch ich wünsche mir für mein Schreiben jemanden, der das erfasst und darüber hinaus in der Lage ist, meine Texte in einen Kontext zu setzen.

Sie trugen vergangenes Jahr auch ein Angela-Merkel-T-Shirt. Ein Vorbild für Sie?

Ja, ich fand das T-Shirt richtig. Ausserhalb Deutschlands hat man ein sehr positives Bild von Angela Merkel. Ich finde es gut, dass man etwas auf der Haut trägt, das man auch innerlich verhandelt, in diesem Fall das Europäische.

Sie tragen ein Tattoo mit dem Bildgedicht «Vokale» Ihres Vaters. Warum dieses Gedicht?

Das Tattoo mit dem Bildgedicht «Vokale» ihres Vaters Eugeon Gomringer.

Das Tattoo mit dem Bildgedicht «Vokale» ihres Vaters Eugeon Gomringer.

Das hat viele Gründe. Es ist ein visuelles Gedicht. Ich wollte ein Tattoo, das sonst keiner hat, das mit dem Geist eines Dichters zu tun hat und mich nicht festlegt auf eine schöne Zeile. Es sollte etwas sein, das mich mit dem Werk meines Vaters verbindet, zu dem ich keine leichte Beziehung habe. Zwischen uns herrscht mehr Schweigen als Worte. Und man kommt gut mit Kindern ins Gespräch. Denn Kinder, die gerade die Buchstaben gelernt haben, erkennen die Vokale. Erwachsene denken, das seien irgendwelche koreanischen oder japanischen Schriftzeichen.

Was mögen Sie an Silvia Tschui, die Sie dieses Jahr nach Klagenfurt eingeladen haben?

Ihr Text arbeitet mit verschiedenen Perspektiven, mit denen sie einen kleinen Event beschreibt, der aber einen riesigen Schatten auf diese Gesellschaft wirft. Ich mag den Text, weil er sehr am Rand ist.

Sie haben den Bachmann-Preis mit einem Prosatext gewonnen. Viele waren überrascht, weil man Sie vor allem als Lyrikerin, als Spoken-Word-Autorin kannte. Lyrik ist gar nicht erlaubt?

Ja, leider. Aber man muss sich auf eine Form einigen. Lyrik gegen Prosa antreten zu lassen, käme wohl nicht gut.

Skurril ist es aber schon, denn Ingeborg Bachmann hätte selbst zumindest in ihren Anfängen einen Bachmann-Preis gar nicht gewinnen können, weil sie ja zunächst als Lyrikerin berühmt geworden ist.

Man beruft sich mit dem Preis nicht auf die Debütantin Bachmann, sondern auf ihr Gesamtwerk und ihre Bedeutung. Für mich könnte dieses Wettlesen aber deutlich mehr nach Bachmann ausgerichtet sein.

Wie denn?

Ich fände es gut, wenn man ­begleitend Veranstaltungen zu Ingeborg Bachmann organisieren würde. Das ist ein bisschen verloren gegangen. Denn ich beziehe mich als Autorin sehr stark auf die Bachmann, die als Dichterin immer noch eine fulminante Stimme hat. Mit ihr würde ich gerne am Klagenfurter Wettlesen verbunden sein.

Sie sagten einmal, Lyriker seien stille, schweigsame Menschen. Sie selbst aber sind die geborene Entertainerin. Woher kommt das?

Das habe ich der Spoken-Word-Bewegung zu verdanken. Dass ich zwar in der Stille meine Gedichte schreibe, aber dann die Formate auswählen kann. Mit Musik oder ohne.

Ihre eigenen Auftritte sind auch eine wahnwitzig wunderbare Mischung von Belebtheit und Unterhaltung mit Abgründigem und poetisch Verquerem. Sie verbinden Leichtigkeit mit Avantgarde.

Toll, so spricht kein deutscher Kritiker mit mir. Ich habe den Verdacht, dass ich gar keine Lyrikerin bin, sondern eine Enter­tainerin. Da geht es mir wie Otto oder Emil: Wir lieben den Auftritt und den Kontakt mit dem Publikum. Die meisten Autoren sind ja am Publikum gar nicht interessiert. Statt an die Uni zu gehen, hätte ich womöglich besser ins Fernsehen gehen sollen.

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