Viel Strom in der einsamen Hütte

Fünf Jahre hat er sich in einer verlassenen Hütte versteckt, an Synthesizern herumgeschraubt, getüftelt und schliesslich auf «Record» gedrückt. Nun ist der Musiker LA Priest wieder zurück in der Zivilisation – und zwar mit einem durchaus bunten und intelligenten ersten Soloalbum.

Marco Kamber
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Sam Dust alias LA Priest will kein einfühlsamer Guru sein. (Bild: Domino Records)

Sam Dust alias LA Priest will kein einfühlsamer Guru sein. (Bild: Domino Records)

Es gibt mehr Schafe als Menschen, und die Hügel sind satter in ihrem Grün als sonstwo. Wer würde ahnen, dass in Montgomeryshire, dieser abgelegenen Grafschaft in Wales, einer der derzeit interessanteren elektronischen Popmusiker im Supermarkt oder auf der Post anzutreffen wäre. Doch es ist so: Abgelegen vom Dorf hat sich Samuel Estegate, auch bekannt als Sam Dust, eine kleine Hütte gemietet und es sich bequem gemacht. Es klingt nach der typischen Flucht-in-die-Isolation-Geschichte.

Weit weg von der Szene

«Aber es war wirklich nur so möglich, diese Platte zu machen – weit weg von der Szene, und von allem, was mit Vergangenheit zu tun hat», sagt Dust am Telefon. Sein Album, welches er aus der Abgeschiedenheit mitgebracht hat, ist denn auch keines jener naturbeschwörerischen Gitarrenfolk-Alben, wie es zum Outlaw-Klischee passen würde.

Sam Dust, den man vor allem wegen seiner Vergangenheit als Sänger der Indie-Raver Late Of The Pier kennt, hat eine gute Stromversorgung in seiner Hütte. Die braucht er für seine dreissig selber umgebauten Synthesizer, von denen die meisten parallel laufen, während er seine Musik spielt.

Und so klingt «Inji», sein erstes Album, das er im Alleingang gemacht hat: sehr synthetisch, rein elektronisch und stets feinmaschig. «Ich wollte mit möglichst seltsamen, elektronischen Klangschichten etwas Räumliches kreieren. Sounds, in die man richtig eintauchen kann», sagt er. Wie tief der Teich ist, in den man dabei springt, weiss man aber zuvor nicht genau. Denn auch wenn LA Priest gerne auf poppigen Funk und zurückgelehnten Disco-Sound setzt, ist die Oberfläche seines Klangmeers an manchen Stellen sehr trüb. Was es mysteriös und somit umso verlockender macht.

«Der Erforscher des Inneren»

Seine englische Promotionsagentur hat sich vielleicht dadurch veranlasst gefühlt, halb London mit dem Slogan: «LA Priest – der Erforscher des Inneren» zu tapezieren. Sam Dust gefällt der Slogan aber gar nicht: «Ich möchte nicht als einfühlsame Emo-Guru hingestellt werden», beklagt er sich. «Ich mache meine bunte Musik nicht, damit die Leute vor ihrem Alltag fliehen können.» Lieber sei es ihm, wenn man sie in den Alltag einbaue.

Zu abstrakt für den Alltag

Ob «Inij» diesen Status erlangen kann, ist fraglich. Denn so eingängig die Platte in ihrer Summe daherkommt – die einzelnen Bausteine sind wohl zu abstrakt für den Mainstream oder eben den Alltag. «Gene washes with new Arm» ist beispielsweise ein Stück, das weder im Club, noch im Wohnzimmer als Hintergrundmusik funktioniert. Die seltsam anmutenden Industrial-Töne des zweiminütigen Instrumentals kommen schon eher aus der Ecke der experimentellen Musik und verlangen die volle Aufmerksamkeit des Zuhörers. Und es ist beileibe nicht das einzige Stück dieser Natur. «Lorry Park» etwa rattert vertrackt vor sich hin und erinnert an die vernebelten Dubstep-Momente von Flying Lotus.

Doch schon einige Minuten später muss man an Hot Chip oder dann sogar an den alten Disco-König Prince denken. LA Priest schmunzelt, wenn man ihn mit diesen Referenzen konfrontiert: «Ganz schön viele Charaktere, nicht?». Er lacht verschmitzt. Es scheint ihm eine wahre Freude zu sein, dass sich Ordnungsfanatiker, die gerne schubladisieren, den Kopf darüber zerbrechen, was er da die letzten fünf Jahre in seiner verlassenen Hütte getüftelt hat.