Viel Platz für den Tod

Gestorben wird immer. Aber im Reihengrab liegen immer weniger. Beerdigt wird heute platzsparend, anonym oder privat. Derweil werden die freien Flächen auf den Friedhöfen der Städte stets grösser.

Katja Fischer De Santi
Merken
Drucken
Teilen
Friedhof Feldli in der Stadt St. Gallen: Zehn Hektare gross und schon jetzt mehr Park, Schulweg und grüne Lunge als «nur» Friedhof. Bild: Benjamin Manser (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Friedhof Feldli in der Stadt St. Gallen: Zehn Hektare gross und schon jetzt mehr Park, Schulweg und grüne Lunge als «nur» Friedhof. Bild: Benjamin Manser (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Draussen an der Zürcher Strasse im Süden und auf der Autobahn im Norden rauscht und hetzt das Leben vierspurig vorbei. Drinnen wird's mit jedem Schritt auf dem knirschenden Kies ruhiger. Ein Mann joggt mit seinem Hund und über die geschwungenen Wege. Gärtner packen ihre Gerätschaften zusammen. Schulkinder sausen mit ihren Velos durch die schnurgerade Allee, irgendwo in der Nachbarschaft miaut ein Kater herzergreifend.

Schön ist es auf dem mehr als zehn Hektaren grossen Friedhof Feldli mitten in St. Gallen. Hinter dem Bundesverfassungsgericht erstreckt sich ein hügeliges, verwunschenes Gelände, einladend für ausladende Spaziergänge. Nur die Gräber, die muss man zwischen den weiten Grünflächen und den imposanten Bäumen fast suchen.

Erdbestattungen sterben aus, es wird kremiert

«Was nicht daran liegt, dass weniger gestorben wird», erklärt Gerold Jung, Leiter des Friedhofs Feldli. Die Mortalitätsrate sei in der Stadt St. Gallen ziemlich stabil. Gestorben wird also immer – aber beerdigt wird heute anders, platzsparender, privater, pragmatischer. «Ohne Krematorium läuft gar nichts mehr», sagt Jung. Weniger als zehn Prozent aller Verstorbenen hätten im letzten Jahr noch eine Erdbestattung erhalten. Nur gerade 55 Personen sind im Jahr 2015 in der Stadt St. Gallen klassisch mit Sarg und Grab bestattet worden. 522 Personen sind in einer Urne beigesetzt worden, in 69 Fällen wurde die Asche den Hinterbliebenen übergeben. Auf dem Friedhof Feldli wird denn auch gerade ein neues Krematorium gebaut. Die alte Anlage kommt mit dem Einäschern nicht mehr nach. An manchen Tagen werden 18 bis 20 Särge aus der Stadt und aus den Vertragsgemeinden angeliefert.

Doch was heute als hygienisch und pragmatisch gilt, war lange als vorgezogenes Fegefeuer verrufen und später als Bestattung zweiter Klasse verschrien. Die katholische Kirche schloss erst 1963, am Zweiten Vatikanischen Konzil, ihren Frieden mit der Kremation. Inzwischen ist der Anteil der Einäscherungen in der Schweiz von 0,02 Prozent im Jahr 1900 auf mehr als 70 Prozent gestiegen. In den Städten liegt er noch deutlich höher. Und weil die Bestattungsgesetze bis zu acht Urnen auf jener Fläche erlauben, die früher mal ein Sarg einnahm, werden die Grünflächen auf den Friedhöfen immer grösser. Dazukommen platzsparende Urnennischen und Gemeinschaftsgräber.

Ein kostengünstiges Ableben ohne Spuren

Über zwei Drittel aller Verstorbenen werden im Friedhof Feldli in einem der drei Gemeinschaftsgräber beerdigt. Ein Stein in der Wiese, eine Inschrift in einer grossen Messingplatte – oder noch nicht einmal das. Ein Ableben ohne Spuren, hygienisch, kostengünstig. Wer braucht im Zeitalter der Mobilität noch ein sorgsam gepflegtes Grab? Zumal auch so ein Grab mit einer Laufzeit von 20 Jahren nicht für die Ewigkeit konzipiert ist. Wer kommt in einer überalterten Gesellschaft überhaupt noch zum Trauern auf den Friedhof? Aber sie kommen eben doch und wissen dann nicht wohin mit ihrer Trauer, sagt Friedhofsleiter Jung. Davon zeugen die vielen Fotos, Blumen und Kerzen, die sich an den anonym gedachten Grabfeldern reihen. Stille Zeugen davon, dass Trauer eben doch einen Ort braucht – und Rituale.

Manche finden sie im Netz. Im Internet haben Onlinefriedhöfe mit Namen wie «Stayalive» und «Strasse der Besten» eröffnet. Dort bleiben die Toten auf Fotos und Filmen lebendig, und ihre Angehörigen können virtuelle Kerzen entzünden, egal, wo auf der Welt sie gerade sind. Der Markt macht alles möglich: vom totalen Entschwinden per Rakete ins All bis zum dauernden Dableiben in der Schmuckurne über dem Fernseher daheim. Welcher dieser Wege die Trauer erschwert und welcher sie erleichtert, darüber wird heftig gestritten. Darf ein Verstorbener völlig verschwinden? Gehört er nur sich selbst? Oder den Hinterbliebenen? Der Kunsthistoriker Rainer Sörries schreibt in seinem gerade erschienenen Buch «Ein letzter Gruss. Neue Formen der Bestattungs- und Trauerkultur», dass die Privatisierung des Todes auch Nachteile habe. Er erklärt das am Beispiel des zum Diamanten gepressten Gatten, der fortan am Hals der Witwe baumelt: Es gebe dann «keinen Trauerort für Trauernde ausserhalb des Familienkreises, es kann zu Streitigkeiten innerhalb der Familie führen, und die trauerpsychologischen Konsequenzen einer zu grossen Nähe zwischen Toten und Lebenden sind nicht bedacht».

Diese Problematik kennt auch Gerold Jung. Nicht selten klopfen Hinterbliebene, die die Asche des Verstorbenen mit nach Hause genommen haben, zwei Jahre später an die Tür des Friedhofsleiters. «Die Urne auf der Kommode wird irgendwann zur Belastung und dann soll ein richtiges Grab her.» Macht Jung natürlich möglich.

Der Tod ist ein Geschäft, die Friedhöfe sind Anbieter

Wie Friedhöfe überhaupt immer mehr möglich machen. Müssen sie auch, wollen sie verhindern, dass ihnen dereinst die Toten ausgehen. Den modernen Menschen gelüstet es auch bei seinem Ableben nach Individualität. Im Rosengarten, Friedwald, mit Posaunen und Trompeten oder einem Rockkonzert. Darauf haben die Schweizer Friedhöfe reagiert, haben Wälder für die Bestattung freigegeben, bauen Friedhöfe in Parkanlagen um oder legen Grabfelder für Moslems an, wie 2014 in St. Gallen geschehen. Der Tod ist auch ein Geschäft.

Kinderspielplatz und Veloverleih

Auf Europas grösstem Friedhof, dem Ohlsdorf in Hamburg, will man noch einen Schritt weiter gehen. Weil die Toten knapp werden, planen die Stadtherren eifrig an einer Vision Ohlsdorf 2050. Bereits hat im Krematoriumskomplex ein Restaurant eröffnet; ein Veloverleih, ein Kinderspielplatz und ein Joggingpfad könnten demnächst dazukommen. Schliesslich geht es um nichts weniger als den Erhalt einer grünen Fläche grösser als der Central Park in New York – und das mitten in Hamburg. Begehrtes Bauland.

Auch Schweizer Friedhöfe müssen sich Gedanken machen. Teile des Aarauer Friedhofes wurden bereits als Ort der Ruhe umgenutzt. Der Badener Hauptfriedhof Liebenfels wurde sogar schon als Mix aus Friedhof und Parkanlage konzipiert. Wenn überall Wälder zu Friedhöfen werden, kann sich ein Friedhof dann nicht auch in einen Freizeitpark verwandeln? Im Friedhof Feldli in St. Gallen ist man davon noch weit entfernt. Über die zusätzlichen Grünflächen ist man eher erfreut als besorgt. Wer weiss schon, was kommt. Derweil pflegt man die «grüne Lunge» der Stadt liebevoll und hätte gegen etwas mehr Spaziergänger nichts einzuwenden.