Verzweifeln und Freude am Zürcher Schauspielhaus

«Wir freuen uns auf die neue Saison mit Ihnen», schreibt Barbara Frey, Intendantin des Zürcher Schauspielhauses, im Grusswort des Programmheftes für die Spielzeit 2015/16, die sie gestern den Medien vorstellte. Aber das ist die einzige Stelle, an der in ihrem Text die Freude vorkommt.

Valeria Heintges
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«Wir freuen uns auf die neue Saison mit Ihnen», schreibt Barbara Frey, Intendantin des Zürcher Schauspielhauses, im Grusswort des Programmheftes für die Spielzeit 2015/16, die sie gestern den Medien vorstellte. Aber das ist die einzige Stelle, an der in ihrem Text die Freude vorkommt. Sonst ist eher die Rede von den schutzlosen Menschen, deren Überleben auf der Erde nicht gesichert sei und die «irgendwo zwischen Himmel und Hades verloren gegangen» sind.

Eingespielte Teams

Die Diagnose der «heil- und trostlosen Dimension» mag stimmen. Aber wer sich die 21 geplanten Premieren, davon sechs Uraufführungen, ansieht, ahnt, dass über dem «beharrlichen Weiterfragen» die Freude an guten Theaterabenden nicht zu kurz kommen wird. Etwa wenn Sebastian Nübling Sibylle Bergs «Meckermonolog» (O-Ton Barbara Frey) «Viel gut essen» auf die Bühne bringt – das Gespann Berg/Nübling verantwortete auch «Es sagt mir nichts, das sogenannte Draussen», mit dem das Berliner Maxim-Gorki-Theater mehrfach in Zürich gastierte.

Eng hat Werner Düggelin einst mit Samuel Beckett zusammengearbeitet: Ab Oktober wird seine Fassung von «Glückliche Tage» zu sehen sein.

Andere eingespielte Teams werden ebenfalls in Zürich inszenieren: Etwa Jan Bosse, der sich mit Bühnenbildner Stéphane Laimé und Kostümbildnerin Katrin Plath Arthur Millers «Hexenjagd» vornehmen wird. Karin Henkel nimmt Besitz von der Schiffbau-Halle, in der sie den Filmzyklus «Dekalog» über die Zehn Gebote an mehreren Orten parallel spielen lässt – wie sie es bereits in ihrer grossartigen «Elektra» tat.

Aber es gibt auch neue Konstellationen: So stellt sich Regisseur Stephan Kimmig mit Schillers «Die Jungfrau von Orleans» vor; auch der Ungar Viktor Bodó, der Belgier Bram Jansen oder die Österreicherin Barbara Falter haben bisher noch nicht im Zürcher Schauspielhaus gearbeitet.

Riesenprojekt aller Theater

Neu und überraschend auch, dass zehn Zürcher Theater für ein Riesenprojekt ihre Rivalitäten vergessen – und an vielen verschiedenen Orten Elfriede Jelineks «Die Schutzbefohlenen», einen monumentalen Klagechor von Flüchtlingen, stemmen. Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Massnahmen – allein das ist schon Grund zur Freude, trotz aller durchaus gerechtfertigten Verzweiflung.