VERWEGENES IN GOTTESNÄHE: Kunst und Askese auf Tuchfühlung

Durchs Kloster Magdenau geistert Frischwind. In die sonst stillen Gästeräume der ­Zisterzienserinnen ist zeitgenössische Kunst eingezogen. Verantwortlich zeichnet das St. Galler Amt für Kultur.

Brigitte Schmid-Gugler
Drucken
Teilen
Ein Besucher betrachtet die Installation von Jonathan Meese in einem der Gästezimmer des Frauenklosters. (Bild: Benjamin Manser)

Ein Besucher betrachtet die Installation von Jonathan Meese in einem der Gästezimmer des Frauenklosters. (Bild: Benjamin Manser)

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid

@tagblatt.ch

Etwas haben sie gewiss gemeinsam, die Institutionen für Gegenwartskunst und Gottesfurcht: ­ Sie wollen der Menschheit eine Richtschnur sein, wenn auch mit unterschiedlichen Mitteln. Die einen im Glanz der Monstranz; die andern im Bestreben, hinter gleissenden Verheissungen unter Umständen den falschen Zauber zu entlarven. Hinzu kommt der beidseitige Mangel an Zulauf.

In Museen und Galerien ist man ausser in der Museumsnacht meistens allein unterwegs; im Kloster Magdenau, bald 800 Jahre alt, bekommt man von den noch hier lebenden zwölf Nonnen nur eine zu sehen – und sie lediglich via Video. Es ist die jüngste im Kloster Lebende, die kunstaffine Schwester Veronika, die in der Recherchearbeit der Künstlerinnen Sarah Elena Müller (1990) und Birgit Kempker (1956) ein paar – stumme – Auftritte hat. «Ab ins Zwischen­wesen» heisst die multimediale Arbeit zur Frage, was Zauber ist und wo er zu finden wäre. Der im Video immer wieder auftauchende «Goldene» ist eine Art geschlechtsneutrales Sennentuntschi, eingewickelt in eine Rettungsfolie.

Mobiles Ausstellungskonzept als Alternative

Schwester Veronika soll wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Klosteranlage mit Gegenwartskunst bespielt werden kann. Ursula Badrutt, Leiterin Kulturförderung beim Kanton St. Gallen, musste sich nach neuen Ausstellungsmöglichkeiten umsehen, nachdem der bis anhin zur Verfügung gestandene Raum im Regierungsgebäude anderweitig genützt werden soll. Ein Besuch im Kloster brachte die zündende Idee für die themenbezogene Austellung, die nicht zuletzt die historischen Räumlichkeiten in einen anders gearteten Glanz ­rücken kann. In silbernfarbener Schrift, die man im richtigen Winkel ins Licht halten muss, damit man sie lesen kann, steht auf den farbigen Ausstellungsfaltblättern der Titel der Installationen: «Des einen Glanz des andern Glut.» Die Kunsthistorikerin entdeckte den lateinischen Schriftzug auf einem der zahlreichen Embleme im Vestibül des Gästetraktes.

Die fünf eingeladenen Kunstschaffenden haben sich hier, in den Räumen ringsum und im vom Hof zugänglichen Durchgang eingenistet. Dort zeigt Manon (1946) sechs neue Arbeiten aus der Serie «Hotel Dolores». An diesen an die Schmerzgrenze gehenden Bildern zeigt sich der Mut und die Bereitschaft der Schwestern, sich mit gesellschaftlichen Aspekten auseinanderzusetzen. Die C-Prints zu ihren grossen Lebensthemen Makellosigkeit, Manipulation und Vergänglichkeit sind wie meistens bei Manon Selbstinszenierungen, aufgenommen in den bröckelnden Gemäuern eines ­alten Kurbads. Eines der Bilder wurde auf Wunsch der Schwestern mit einem Tuch abgedeckt – nicht etwa, weil es so den gekreuzigten Jesus an Karfreitag anmahnt, sondern weil darunter ein nacktes Pin-up-Girl zu sehen ist.

Sanft der Eine, wild und ausufernd der Andere

Peter Dew (1967) reagiert auf seine ihm eigene augenzwinkernde Weise auf die Gegebenheiten des Klosters. Er mischt Wortspiele und Symbole, verkehrt etwa einen Eisenhaken zu einem grossen Fragezeichen und hinterlässt, als wär’s ein Kobold gewesen, seine zweideutige Handschrift auf den schweren Balken Gottes. Alfred Sturzenegger (1945), mit einschlägig katholisch ausstaffiertem Lebensrucksäckli, besetzt mit wohltuender Leichtigkeit und versöhnlichem Zeichenstrich das eigene Gewesene und Verbleibende in einem Teil des Dachstocks. Ganz anders Jonathan Meese (1970), ein Schlingensief in Sachen Umtriebigkeit. Plakativ, wild und mit viel Signalrot versehen sind seine Bildobjekte, die er der statischen Frömmigkeit der Räume entgegenstellt.

Kloster Magdenau: «Des einen Glanz, des andern Glut», bis 9.7.; Do/Fr 16–19, Sa 11–17, ­So 14–17 Uhr; Pfingsten 14–17 Uhr. ­Rahmenprogramm: kloster-magdenau.ch