Versuche, aus der Enge auszubrechen

In einer traditionell moslemischen Gesellschaft haben Frauen nichts zu melden. Das ist nichts Neues, aber noch selten hat ein Film das Rebellieren dagegen so mitreissend gezeigt wie «Mustang». Der Erstling der türkisch-französischen Regisseurin Deniz Gamze Ergüven ist darum im Rennen für einen Oscar.

Geri Krebs
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«Mustang» erzählt von fünf Schwestern, deren Freiheit radikal eingeschränkt wird. (Bild: pd)

«Mustang» erzählt von fünf Schwestern, deren Freiheit radikal eingeschränkt wird. (Bild: pd)

Es beginnt mit der Euphorie des letzten Schultages vor den Sommerferien. In einem kleinen Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste rennt eine Gruppe von Mädchen nach Unterrichtsende zum Strand, planscht angezogen im Wasser, albert mit den Klassenkameraden herum, bevor man sich auf den Heimweg macht. Harmlose Kinderspiele.

Striktes Regime für Schwestern

Doch für eine Nachbarin aus dem Dorf waren sie «schamlos». Die fünf Schwestern Sonay, Selma, Nur, Ece und Lale hätten sich «wie Huren» benommen, hätten sich «an den Jungen gerieben», denunziert die Frau die Mädchen bei ihrer Grossmutter, bei der sie aufwachsen, denn ihre Eltern sind gestorben.

Während es die Grossmutter zunächst bei Prügelstrafe belässt, ergreift der Mann des Hauses, Onkel Erol, eine Palette an Massnahmen, um die Tugendhaftigkeit seiner Nichten zu erhalten. So wird Sonay, die Älteste, zum Jungfräulichkeitstest ins Spital gefahren. Am Haus werden Fenstergitter und neue Türschlösser angebracht, die Umfassungsmauer wird erhöht, und fortan gilt ein hartes Regime: Es gibt ein striktes Ausgehverbot, keinen Computer und kein Telefon mehr, die Sommerkleidchen werden entsorgt und durch sackähnliche Gewänder ersetzt; es fehlt nur noch das Kopftuch. Ausserdem wird eine Nachbarin als Gouvernante beigezogen, die den Mädchen Benimm- und Ehevorbereitungsunterricht erteilt. Onkel Erols Ziel ist es, seine Nichten so rasch als möglich zu verheiraten. Während Sonay sich noch durchsetzt und den Mann ihrer Wahl ehelicht, sollen Selma und Nur in arrangierte Ehen gezwungen werden.

Für die etwa zehnjährige Lale, die Jüngste – aus deren Blickwinkel der Film erzählt wird –, ist klar: sie wird niemals das Schicksal ihrer älteren Schwestern erleiden; sie rebelliert.

Darstellerinnen sind eine Wucht

Es ist eine ebenso schlichte wie eindringliche Geschichte von Unterdrückung und Auflehnung, die Regisseurin und Drehbuchautorin Deniz Gamze Ergüven erzählt. Und die Kameramann David Chizallet in lichtdurchfluteten und sich fast durchwegs in Bewegung befindlichen Bildern spannungsreich festhält. In den Szenen des vertrauten und sinnlichen Miteinanders der Mädchen erinnert «Mustang» ein wenig an den argentinischen Film «Abrir puertas y ventanas» von Milagros Mumenthaler, der 2011 in Locarno den «Goldenen Leoparden» gewann. Doch in den immer neuen Versuchen der Mädchen, aus der Enge auszubrechen, ist «Mustang» weit dramatischer und dynamischer als jener stille Film. Die fünf jungen, noch unbekannten Schauspielerinnen Ilayda Akdogan, Tugba Sunguroglu, Doga Zeynep Doguslu, Elit Iscan und Günes Sensoy sind eine Wucht und tragen das sich ständig zuspitzende Geschehen mit grosser Souveränität.

Parallele zu García Lorca

Einziges bei uns bekanntes Gesicht ist jenes des 1986 geborenen Deutsch-Türken Burat Yigit. Er hat hier als junger Lastwagenfahrer Yasin zwar eine Nebenrolle, war aber vor Jahresfrist in «Victoria» von Regisseur Sebastian Schipper zu sehen. In «Mustang» ist seine Figur der einzige Verbündete der Mädchen.

Erst 80 Jahre sind vergangen, seit einer der grössten europäischen Dramatiker und Theaterautoren am geographisch entgegengesetzten Südrand Europas unter anderen religiösen Verhältnissen eine frappierend ähnliche Geschichte schrieb: Der Spanier Federico García Lorca erzählte im Stück «Bernarda Albas Haus» von einer Frau, die nach dem Tod ihres Mannes die fünf Töchter im Haus einsperrt, um deren Tugendhaftigkeit zu bewahren. Das Stück, das zum Vermächtnis García Lorcas wurde, trägt den Untertitel: «Drama der Frauen in den Dörfern Spaniens». Die Unterdrückung von Frauen und Mädchen unter religiösen Vorzeichen gab und gibt es nicht nur im Islam.

Ab heute im Kinok St. Gallen, weitere Kinos in der Region folgen.

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