Verspieltes Kunst-Doppel

Die Genferin Sonia Kacem und der Pariser Jonathan Binet sind in der Kunsthalle St. Gallen zu Gast. Mit Lust aufs Experiment reagieren sie auf die Räumlichkeiten und komponieren sie mit ihren Interventionen zu Raumbildern.

Christina Genova
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Sonia Kacem hat die Kunsthalle mit Stoffbahnen und industriellen Schaumstoffabfällen in einen Kinderspielplatz mit dem beunruhigenden Titel «Bermuda Triangle» verwandelt. (Bild: Hanspeter Schiess)

Sonia Kacem hat die Kunsthalle mit Stoffbahnen und industriellen Schaumstoffabfällen in einen Kinderspielplatz mit dem beunruhigenden Titel «Bermuda Triangle» verwandelt. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN. Ein riesenhaftes Kind scheint in der Kunsthalle gespielt zu haben. Im hinteren Ausstellungsraum sind Schaumstoffstücke in allen Farben und Formen auf den Boden gestreut, manche sind zu Ballen zusammengebunden. Ausserdem wurde eine elf Meter lange, schwarze Lycra-Stoffbahn quer durch den Raum gespannt und teilweise um die Ballen gewickelt.

Wrackteile aus Schaumstoff

Als Kind kann man die 30jährige Genfer Künstlerin Sonia Kacem, die Schöpferin dieser zwei Räume umfassenden Installation, wahrlich nicht mehr bezeichnen. Aber den spielerischen Umgang mit Materialien hat sich die Künstlerin bewahrt. «Bermuda Triangle» nennt sie die Arbeit, doch weder die Aura des Mysteriösen noch ein verhängnisvoller Sog geht davon aus. Sondern man bekommt Lust, durch die Kunsthalle zu spazieren und dieses etwas andere Bermudadreieck zu erkunden. Die Schaumstoffstücke erinnern an Bauklötze oder bunte Marshmallows, zwei davon hat Kacem auf zwei Stoffzungen gesetzt. Man könnte dabei aber auch an Wrackteile denken.

Die Installation hat ihre definitive Form erst vor Ort angenommen und wird sich im Verlaufe der Ausstellung noch verändern, denn Schaumstoff verfärbt und zersetzt sich unter dem Einfluss von Licht. Auch die elastischen Stoffbahnen werden wohl zunehmend an Spannkraft verlieren.

Schmutzwasser auf Leinwand

Die Vergänglichkeit ist auch unterschwellig Teil der Arbeit von Jonathan Binet, der den Hauptraum der Kunsthalle bespielt. Dem 31jährigen Pariser Künstler geht es unter anderem darum, den Betrachtern die Augen zu öffnen für die Spuren der Zeit in einem Raum. Die feinen, unregelmässigen Linien des Schmutzwassers, das Binet über eine Leinwand hat rinnen lassen, korrespondieren mit den Rostwasserspuren bei den altertümlichen Heizkörpern. Auf die verblichenen, gelben Bodenmarkierungen und die gitterartigen Verstrebungen der Decke reagiert Binet mit einem Holzraster. Ursprünglich war es Teil der neuen Bodenisolation in Binets Atelier.

Es ist typisch für die Vorgehensweise des Künstlers, dass er Vorgefundenes in seine Arbeiten integriert oder bestehende Arbeiten weiterentwickelt und variiert. Letzteres gilt für die überall hängenden, seltsam geformten Leinwände. Eine davon befand sich bereits in Binets letzter Ausstellung im Centre d'art in Neuchâtel.

Körperlich präsente Künstler

Um Binets Arbeit zu erfassen, muss man sich Zeit nehmen. Denn auf den ersten Blick erscheinen seine Interventionen wie zufällig plaziert. Beglückend ist der Moment, wo man zu begreifen beginnt, dass jeder Nagel, jede Linie, jede Falte in den nachlässig gespannten Leinwänden in einen sensiblen Dialog mit dem Raum tritt und der Künstler sogar den Schattenwurf bei der Hängung seiner Arbeiten berücksichtigt hat. Schliesslich erkennt man, dass es Jonathan Binet gelungen ist, Vorgefundenes und Ergänztes zu einer Gesamtkomposition zu verbinden. Dabei geht es dem Künstler nicht darum, den Raum in Besitz zu nehmen oder völlig zu verwandeln. Sondern in einer poetischen Annäherung hebt er sanft hervor, was schon vorhanden ist. Dadurch lässt er die Betrachter den Raum ganz neu erleben und ihn mit anderen Augen und geschärftem Blick fürs Detail sehen.

Sonia Kacem und Jonathan Binet bespielen die Kunsthalle souverän und in gelungener Kombination. Gemeinsam ist ihnen die Experimentierfreude, und der spielerische und intuitive Umgang mit dem Raum und den Materialien. Zwar ist es keine eigentliche Performance, was die beiden Künstler abhalten, doch der stark im Raum präsente Körper sei laut Kunsthalle-Direktor Giovanni Carmine typisch für die Generation der Kunstschaffenden um die dreissig.

Bis 29.3. www.k9000.ch

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