VERSPIELT: In einem Zug

Ruth Erat spinnt Zeichenfäden – ohne die Feder abzusetzen. Wundert sich, was für Wesen da entstehen. Schreibt verspielte Sätze dazu, die oft nicht minder kurlig sind. Ein feines Buch ist daraus geworden, übermorgen stellt es die Arbonerin vor.

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Ruth Erat zieht an Schreib- und Zeichenfäden. (Bild: aus dem Buch)

Ruth Erat zieht an Schreib- und Zeichenfäden. (Bild: aus dem Buch)

Ha, wie muss sich Verleger Beat Brechbühl gefreut haben, als er die Zeichnungen und Gedichte der Arbonerin Ruth Erat sah: diese ernsten Spielereien, diese spielerische Ernsthaftigkeit in den Bild-Text-Paaren. Er hat bereits die Ein-Strich-Zeichnungen des inzwischen verstorbenen Winterthurer Theaterleiters Michael Albert Bosshard in seinem Waldgut-Verlag herausgegeben («Im Klostergarten und andere dringende Szenen»), und erneut hat Irène Bourquin, Ex-Feuilletonleiterin beim «Landboten», ein Nachwort verfasst. Ein ganz kurzes, denn nichts soll ablenken von Ruth Erats Preziosen.

Nur schon die Titel dieses Buchs: «Zum Trocknen aufgehängte Flügel». Sie sind es, die den poetischen Band beschliessen: Zum Trocknen/ aufgehängte Flügel:/ nach Regengüssen/ in jedem Fall/ zwischen zwei Zeilen,/ die du dir enthusiastisch/ erträumst,/ nicht zu versäumen.

Und so hebt er an: Ohne Flügel soll nichts sein,/ nun, da ein Schneewolkendunkel/ im Sonnengeflunker / vor dem Himmelblau/ die Augen / zu kälteren Ufern zu locken/ sich traut. Die Zeichnung über diesem ersten Gedicht, zeigt sie einen Schwan? Spartanisch der Umriss, Ruth Erat lässt die Fantasie des Betrachters an der langen Leine.

Trauertiere und andere skurrile Wesen

Manches schaut die Autorin dem Alltag ab: Grässlich/ Katzenmaul / ist selten faul,/ sagt der,/ den das Tier/ biss. Dann wieder wird sie philosophisch: Vielleicht denkend –/ wer weiss –/ ja eben, gerade das/ weiss man nie,/ nie weiss man/ das Was,/ geschweige denn/ das Wie. Oder sie verquickt Reales und Gedachtes, wie es Christian Morgenstern so gut verstanden hat: Das Wolkenvogel-/ wesen ist der-/ einst ein Blumen-/ kohl gewesen.// Und wochenlang/ stank dazumal/ der Vorhang/ in der Küche. Und Ruth Erat erfindet mehr solcher Gestalten, die Trauertiere etwa. Ein «skurriles Biotop» nennt Irène Bourquin dieses Universum aus surrealen Wesen.

Die in Urnäsch geborene Ruth Erat hat Germanistik und Philosophie studiert, ist Lehrerin und Autorin von Lyrik, Prosa («Moosbrand», «Der Werkzeugkoffer im All») und Theatertexten, engagiert sich politisch und sitzt seit zwei Jahren im Arboner Stadtparlament. Als Künstlerin liebt sie es, um die Ecke zu zeichnen, wie sie als Schriftstellerin Haken schlägt. Und wenn Reime auftauchen, sind sie frei gesetzt und bewusst nicht perfekt und kratzen wie die spitze Feder, die Ruth Erat übers Papier führt: Wie immer gescheitelt,/ der Mensch bleibt eitel.

Nicht zu versäumen also, die Lektüre von Ruth Erats aufgehängten Flügeln.

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

So, 6.8., 18 Uhr, Theater Parfin de siècle, St. Gallen; Einführung Irène Bourquin

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