Verschieden gelungene Facetten zu Wagner

«Treibhaus Wagner» sind die Zürcher Festspiele betitelt. Seine Person steht im Mittelpunkt, oder wie beim Gastspiel des Schauspiels Dresden eine Version seines «Rheingold».

Tobias Gerosa
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Fast zehn Jahre lebte Richard Wagner in Zürich. Wie «Wagner. Wie ich Welt wurde» von Schauspiel- und Opernhaus (siehe Ausgabe vom 17. Juni) stellt auch Barbara Weber in der letzten Neumarkt Inszenierung ihrer Direktion diese Zeit ins Zentrum. Das Publikum schlüpft dabei in die Rolle der Gäste eines herrschaftlichen Empfanges an realem Ort: Der Villa Wesendonck, dem heutigen Museum Rietberg.

Sandwich statt Wagner

Es gibt Champagner und Sandwiches. Das Dienstpersonal nutzt die Gelegenheit, herzhaft über die Herrschaft herzuziehen, Anekdoten anzudeuten – wer Wagners Geschichte etwas kennt, wird sie erkennen: Der Liebesbrief an Mathilde Wesendonck, den die Ehefrau Minna Wagner abfängt. Die Pläne für ein Festspielhaus auf dem grünen Hügel in Zürich Wollishofen. Wer nicht, steht an, auch wenn der Text aus Tagebucheinträgen und Briefen montiert wurde. Immerhin trägt das neue Arrangement der fünf Wesendonck-Lieder für Streichquartett, Harfe, Klarinette und unveränderte Singstimme. Warum Barbara Weber sich für Wagner interessiert, wurde in diesen 70 Minuten nicht klar.

Nachwehen eines Traumas

Da ist ihr Anna-Sophie Mahler voraus. Sie hat als Regieassistentin bei den Bayreuther Festspielen sieben Sommer lang Christoph Marthalers Inszenierung von «Tristan und Isolde» betreut. Als sie letzten Sommer abgespielt war, rettete Mahler mit ihrer freien Gruppe «Capri Connection» Teile des Bühnenbildes vor der Verschrottung. Die nimmt sie jetzt in dem im Theater Gessnerallee uraufgeführten «Tristan oder Isolde» als Ort und Anlass einer Reflexion über Bayreuth und die alles verzehrende Liebe. Traumatische Bayreuth-Interna wie absurde Regeln aus dem Festspielhaus (lachen verboten) sind mit soziologischen Erklärungen der Liebe vermischt und immer wieder wehen Motive aus «Tristan» herein. Aber wie bei der Neumarkt-Produktion geht das Ganze spätestens dann nicht mehr auf, wenn Regisseurin Mahler live mit einer per Video zugeschalteten männlichen Isolde das Liebesduett singt: Diese Art von Kunstgesang funktioniert so kunstlos und selbstreferenziell schlicht nicht.

Spartenübergreifend, witzig

Ausser man macht's wie Regisseur David Marton im «Rheingold». Die vor zwei Jahren in Dresden entstandene Version erzählt die Geschichte dieses Vorabends des Rings, deutet sie als heutige Familien- oder Sektengeschichte mit seltsamen Ritualen; gleichzeitig wird das Werk und der (Wagner-)Kult darum reflektiert. Schauspieler und Musiker aus Klassik und Jazz agieren zusammen. Über dem unfertigen Neubau der Bühne thront ein gottgleicher Dirigent (Christoph Homberger als Wagner) und hält das Ensemble auf Trab. Er kann allerdings auch allein in der Partitur versinken, während unten rätselhafte kultische Handlungen vorgenommen werden. Das ist ungeheuer witzig, führt aber immer wieder sehr genau an Wagners Musik und Text heran.

Es klingt paradox, aber man erfährt hier – beim deutlich freieren Umgang mit einer engeren Vorlage – mehr über Wagners Werk und Person, als in den scheinbar freieren Produktionen. Auch was die Verschränkung von Schauspiel und Musik betrifft, kommt dies «Rheingold» weiter. Wagner mischt sich hier zwar mit elektronisch verfremdetem Cello (Martin Schütz) und klingt streckenweise wie Weill oder Schlager, aber die Leitmotive werden so oft angekündigt, dass sie auch musikalische Analphabeten nicht nur hören, sondern in ihrer Funktion erkennen (Klavier: Jan Czajkovski). Schauspiel und Gesang vermischen sich logisch – anders als in «Wie ich Welt wurde».

Ein echter Fortschritt

Etwa so, wie im Gastspiel zu sehen, dürfte sich Wagner sein Gesamtkunstwerk vorgestellt haben. Klar, sieht es 200 Jahre nach seiner Geburt vielleicht etwas anders aus. Den Zürcher Festspielen gelingt es, dies in verschieden gelungenen Facetten zur Diskussion zu stellen. Und das ist ein echter Fortschritt gegenüber dem zusammenhanglosen Stückwerk vergangener Jahre.