Vernissage im Kunstmuseum Thurgau als Live-Stream: Grossartige Idee, leicht surreal umgesetzt

Kultur? Muss wegen Corona leider ausfallen. Nicht so im Kunstmuseum Thurgau: Dessen Direktor Markus Landert geht neue Wege. Die abgesagte Vernissage der neuen Ausstellung «Pixel, Pinsel und Pailletten» verlegt er kurzerhand ins Internet. Ein Experiment.

Julia Nehmiz
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Markus Landert, Direktor des Kunstmuseums Thurgau, vor dem Paillettenbild von Olga Titus.

Markus Landert, Direktor des Kunstmuseums Thurgau, vor dem Paillettenbild von Olga Titus.

Bild: Screenshot

Als Museumsbesucher braucht man aktuell einen stabilen Internetzugang. Und einen Facebook-Account. Und mit ein paar Klicks ist man live dabei, wenn Markus Landert, der Direktor des Thurgauer Kunstmuseums, durch seine neue Ausstellung führt. Noch kein Besucher hat sie gesehen, die kleine Live-Stream-Schar (in Minute 1 sind wir noch 14) erhält also einen brandaktuellen exklusiven Einblick in «Pinsel, Pixel und Pailletten». Die Vernissage war für den 22.März geplant. Nun wird sie kurzerhand vorgezogen und von der kantonalen Plattform «Thurgaukultur» live gestreamt.

Eine wirklich schöne Idee. Das Museum versucht, am Publikum dran zu bleiben, den ausgestellten Künstlerinnen und Künstlern trotz Lockdown eine Bühne zu verschaffen. Im Livestream schnellt die Zuschauerzahl schnell hoch auf 24, und dann auf mehr als das Doppelte.

Verpixelt und unscharf - egal, was zählt ist das Engagement.

Verpixelt und unscharf - egal, was zählt ist das Engagement.

Bild: Screenshot

Klar, da kann man nicht mithalten mit Youtube-Stars oder den live-gestreamten Corona-Pressekonferenzen des Bundesrats. Trotzdem: knapp 60 Besucher zählt der Live-Stream zu den besten Zeiten, insgesamt verzeichnet er (Stand Freitagabend 21 Uhr) 542 Aufrufe. Der Vorteil: Man kann ihn immer noch abrufen, auch wenn man den Live-Event am Freitagabend verpasst hat.

Oder wenn das Internet streikt. Ok, ich muss zugeben, gleich zwei der knapp 60 Besucher, das war ich. In der Küche reicht der Internetempfang nicht aus, dauernd stürzt der Live-Stream ab. Also schnell ins Arbeitszimmer an den PC gewechselt: läuft. 

Die Kameraführung: ist ausbaufähig

Michael Lünstroth, Redaktionsleiter von «Thurgaukultur», begrüsst im blütenweissen Hemd im Kunstmuseum Thurgau, stellt Direktor Markus Landert vor. Auch der hat sich chic gemacht, schwarzes Hemd, Sakko, grauer Schal, und erklärt, was die Corona-Krise für Auswirkungen auf das Museum hat (keine Besucher, Verschiebung von Eröffnungsdaten, und sowieso grosse Unsicherheit). 

Dann geht es um die aktuelle Ausstellung. Landert erklärt, dass jedes gemalte Bild ein Prozess sei, und dieser Prozess evoziere eine Aufladung der Bilder. Doch die Bilder, um die es geht, die sieht man leider nur am Rande. Michael Lünstroth hatte zu Beginn noch erklärt, dass dies das erste Mal sei, dass man im Format «Deine Bühne» etwas streame, alles sei improvisiert. Mit diesem Format möchte die kantonale Plattform regionales Kunstschaffen auch im Lockdown sichtbar machen. 

Wo ist das Kunstwerk von Rachel Lumsden? Die Kameraführung ist - bei allem wertschätzendem Engagement - noch ausbaufähig.

Wo ist das Kunstwerk von Rachel Lumsden? Die Kameraführung ist - bei allem wertschätzendem Engagement - noch ausbaufähig.

Bild. Screenshot

Und na ja, so sehr man das Engagement wertschätzt und grossartig findet, so wenig sieht man tatsächlich von den Kunstwerken. Oder von Markus Landert - oft ragt gerade mal seine Nase in die Kamera, oder seine Augenbraue. Auf dem Rest des Bildschirms: Decke und Wände des Kunstmuseum, mal eine Lampe, mal das obere Drittel eines Bildes.

Man vermisst schmerzlich, wie Kunst im Raum wirkt

Das ist schade, und für die nächsten Übertragungen noch ausbaufähig. Unscharf, verpixelt, oder eben einfach: Wand und Decke zu sehen anstatt Kunst. Und es wird einem schmerzlich bewusst, wie sehr der Raum, in dem man sich physisch befindet, das Werk direkt vor sich, hinter sich, neben sich, wie sehr Nähe und Licht und Atmosphäre eine Rolle spielen, um Kunst wirken zu lassen. 

Trotzdem ist es rührend, wie die beiden durch die Ausstellung führen, Werke erklären, die in meditativen Schichten gemalt seien, und man sieht leider nur eine schwarze Fläche, aber egal, bald ist der Lockdown hoffentlich vorbei und dann: Ab ins Museum! Am besten nochmals in einer Führung mit Markus Landert, dann aber wirklich live und vor Ort. Der erste Eindruck via Facebook ist wunderbar in der aktuellen Situation. Aber ein wirklicher Ersatz für ein echtes Kunsterlebnis ist er nicht. 

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