Vermaledeite Habgier

Zauberhaftes Unterrock-Theater: Claudine Kölbener gastiert im St. Galler Figurentheater mit ihrer Ein-Frau-Produktion «Häxewäldli» nach einer alten Sage aus dem Alpstein. Dieses Wochenende ist das Stück nochmals zu sehen.

Bettina Kugler
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Claudine Kölbener entführt mit ihrem Puppenspiel ins Appenzeller Sagenland. (Bild: Michel Canonica)

Claudine Kölbener entführt mit ihrem Puppenspiel ins Appenzeller Sagenland. (Bild: Michel Canonica)

Ein heller Stossseufzer tönt vielstimmig vom Alpstein herunter. Gemeinsam zäuerlen drei Dutzend kleine Geburtshelfer mit der armen Königin der Wildmannli vom Brüeltobel: Im Kindbett liegt sie, und das winzige Kerlchen will und will das Licht der Bergwelt nicht erblicken. Dann plötzlich ist es da, die Hebamme versteht ihr Handwerk des behutsamen Hervorlockens; riesengrosse Freude beim kleinen Völkchen aus dem Wald und auch im Publikum.

Ein Weilchen zappelt das Kleine noch selig an der Nabelschnur, bald wird die Schere ausgepackt, das Kind gebadet und warm eingewickelt; zuletzt der ganze allerliebste, heimliche Höhlenschauplatz sorgsam eingerollt. Mutter und Kind brauchen jetzt Ruhe.

Hinter der Tanne

Die Bühne für dieses sagenhaft kreatürliche Spektakel verbirgt sich unter den weiten Röcken von Puppenspielerin Claudine Kölbener.

Als Hebamme kommt sie in menschlicher Gestalt ins Spiel: Im Wald vor sich hinsingend, läuft sie einem aufgeregten, hilfesuchenden Wildmannli über den Weg und lässt sich von ihm in die kleine, Menschenblicken sonst verborgen bleibende Welt hinter der letzten Tanne locken – wer weiss, welche goldene, mindestens silberne Nase sie sich im Dienst der guten Wichtelmännchen verdienen kann! Schon menschelt es, wie beinahe immer in Sagen, wenn Magie auf ziemlich bodenständige Interessen stösst.

Sagenhafter Sprachschatz

Ins «Häxewäldli» und in die Sagenwelt des Alpsteins führt das rund vierzigminütige Stück, mit dem Claudine Kölbener dieser Tage im St. Galler Figurentheater gastiert. Es lässt Kinder ab vier und Kindgebliebene über die nächstbeste Wurzel stolpern und im Reich zaubermächtiger Winzlinge landen– die, keine Sorge, im tiefsten Herzen menschenfreundlich und lieb sind.

Nur wehe, wenn die grossen Kerle aus den Dörfern und Tälern sich nicht an Abmachungen halten, stattdessen neugierig und ungeduldig sind oder gar meinen, sich mit Gewalt bei den Wichteln holen zu können, was ihnen zusteht und vermeintlich vorenthalten wurde!

Diese Geschichte erzählt Claudine Kölbener in kräftiger Appenzeller Mundart, mit einer Sprachmusik, die für gut und böse, für niedlich wie schaurig elementar einen märchenhaft reichen Wort- und Klangschatz birgt: an sich schon ein Ereignis fürs Ohr und Gemüt, und das nicht nur für Eingeborene.

Drei handliche kleine Puppen braucht sie dazu, kaum Technik oder Requisiten; die Szenerie ist sie selbst: Über den Hügel ihres Kopfes steigt das kleine Wildmannli zu Beginn und schaut sich um; am Ziel angelangt lässt sie sich auf einem Baumstumpf nieder, rafft den Stoff ihres Kleides – Vorhang auf für die Geburt eines kleinen Wichtelprinzen! Keine Tricks, kein eingespieltes Gedudel vom Band, kein Dekor; die Welt der Sagen ist archaisch und bildkräftig mit einfachsten dramatischen Mitteln.

Güggsle statt luege

So liebevoll die Puppenspielerin als Hebamme zu Werke geht, ein Engel ist diese Frau gleichwohl nicht: Sie träumt einen habgierigen Traum von Reichtum und Müssiggang, sie kann nicht warten und muss – entgegen der eindringlichen Warnung – auf dem Heimweg schon «güggsle», was ihr der König der Wildmannli zum Lohn eingepackt hat.

«Güggsle» ist schliesslich nicht «luege», nicht wahr? Nicht genug, dass ihr Gold und Silber damit durch die Lappen gehen, als trockenes Buchenlaub aus der Schürze fällt. Nein, sie lehnt sich auch noch gegen das kleine Volk auf und stachelt alle im Dorf zum grossen Feldzug gegen die Schutzgeister im Walde auf.

Ende mit Naturgewalt

Mit verheerenden Folgen, wie der erwachsene, sagenkundige Zuschauer schon ahnt. Die Kleinen im Saal trifft die Rache der Wildmannli wohl überraschend und jäh wie eine Naturgewalt.

Genau die sind es ja, Unwetter, Lawinen, Versteinerungen und sonstige Katastrophen, die in der Sagenwelt Hand und Fuss, flinke Beinchen und ein Gesicht bekommen – die Gestalt von Hexen, Kobolden, Wichteln und Riesen. Die Furcht hält sich im «Häxewäldli» dennoch in Grenzen: Claudine Kölbener macht die kleinen Zuschauer behutsam zu Verbündeten, die sich in beide Seiten einfühlen können.

Die unter den Rock der magischen Wichtelwelt güggseln dürfen – und zugleich auf der menschlichen Seite zu Hause sein.

Morgen Sa und So, Figurentheater St. Gallen, je 14.30 Uhr, ab 4 Jahren

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