Chinesischer Film zeigt das
Vermächtnis aus einer furchtbaren Welt

«An Elefant Sitting Still» von Hu Bo ist zwar deprimierend und von monumentaler Länge, doch auch ein Werk, das in seiner erzählerischen Raffinesse seinesgleichen sucht und Abgründe der Gesellschaft ausleuchtet.

Geri Krebs
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Yu Cheng (rechts) und Bu im Gespräch. Bild: PD/Arsenal

Yu Cheng (rechts) und Bu im Gespräch. Bild: PD/Arsenal

Das Wichtigste vorweg: Den titelgebenden Elefanten, der, so ein Gerücht im Zoo der nordchinesichen Stadt Manzhouli, nichts anderes macht, als still dazusitzen und vor sich hinzubrüten, bekommt man in vier Stunden Filmdauer nie zu sehen. Das Tier, von dem ganz zu Beginn jemand erzählt, ist nur metaphorischer Ausgangs- und Endpunkt eines langen Tages. In seinem Verlauf treffen die Schicksale von vier einsamen, traurigen Protagonisten in einer namen- und trostlosen Stadt im Norden Chinas wiederholt aufeinander.

Es beginnt mit einem hässlichen Familienstreit. Der siebzehnjährige Schüler Wei Bu hat Krach mit seinem autoritären und frustrierten Vater. Und auch in der Schule hat Wei Bu schwere Probleme, er wird von seinem Mitschüler Shuai ständig gehänselt und gemobbt, so lange bis er ihn die Treppe hinunterstösst und ihn dabei schwer verletzt. Nun hat Wei Bu ein noch grösseres Problem. Denn Shuais grosser Bruder, Yu Cheng, ist ein bekannter Gangster. Allerdings hat er im Moment grössere Sorgen, als den Angriff auf seinen Bruder zu rächen, fühlt er sich verantwortlich für den Suizid seines besten Freundes. Der brachte sich um, nachdem er Yu Cheng beim Sex mit seiner Frau erwischt hatte.

Am Ende bleibt die Ausweglosigkeit

Vergeblich versucht Yu Cheng danach mit Wei Bus Mitschülerin Huang Ling anzubändeln, doch die ist mit dem Co-Rektor der Schule liiert – allerdings vor allem deshalb, um von ihrer tyrannischen Mutter wegzukommen. Die Wege dieser drei jungen Menschen kreuzt der Rentner Wang Jin, ein rüstiger älterer Herr, den seine Tochter und sein Schwiegersohn ins Altersheim verfrachten wollen.

Als Zuschauer dieser konsequent in fahles Blau oder Grau ­getauchten vier Geschichten aus einer kalten und herzlosen Gesellschaft benötigt man zwar etwas Zeit, bis man die Akteure den jeweiligen Geschehnissen zuordnen kann. Doch mit zunehmender Dauer taucht man ganz selbstverständlich ein in diesen Tag im Leben dieser vier traurigen Gestalten. Und nicht nur spielt die Zeit in diesem Fluss von Geschichten im Verlauf der 240 Filmminuten eine immer geringere Rolle. Hu Bo schafft es in seinem Erstling mit raffinierter Montage auch, einen Eindruck von Gleichzeitigkeit zu vermitteln, ein Gefühl, in einer Möbiusschleife – einem Ding ohne Anfang und Ende – gefangen zu sein. Am Ende bleibt vor allem ein Eindruck: Der von Ausweglosigkeit.

Was natürlich verstärkt wird durch das, was kurz vor den Credits folgt: Eine Fotografie zeigt einen fröhlich lächelnden jungen Mann. Es ist Hu Bo. Er hat sich vier Monate, bevor sein Film seine Weltpremiere erlebte, das Leben genommen. Er soll zuvor einen Streit mit seinem Produzenten gehabt haben. Dieser war mit der exorbitanten Länge des Films nicht einverstanden.

«An Elefant Sitting Still» läuft im Stattkino (Luzern).