Verliebte Esel

Das Theagovia Theater bringt einen «Sommernachtsalbtraum» auf die Bühne – frei nach Shakespeare. Darin wird eine Thurgauer Hochzeitsgesellschaft von Geistern heimgesucht, die ein heilloses Chaos anrichten.

Severin Schwendener
Drucken
Teilen
Zwischen Traum und Wirklichkeit: Szene aus dem Thurgauer «Sommernachtsalbtraum». (Bild: Andrea Stalder (Weinfelden, 27. Oktober 2016))

Zwischen Traum und Wirklichkeit: Szene aus dem Thurgauer «Sommernachtsalbtraum». (Bild: Andrea Stalder (Weinfelden, 27. Oktober 2016))

«Wer wird denn noch verrückt nach anderen?», ruft Oberon, König der Elfen, am Anfang des Stücks «Ein Sommernachtsalbtraum» dem Publikum im Theaterhaus Weinfelden entgegen. Das im übrigen nicht nur da sitzt, wo es sonst sitzt, sondern auch da, wo sonst die Schauspieler sind. Dafür spielen Letztere da, wo sonst Erstere zu sitzen pflegen – es ist halt nichts so, wie es normalerweise ist in dieser von Albträumen durchdrungenen Sommernacht.

Das Stück unter der Regie von Marie Luise Hinterberger ist die letzte von drei Produktionen, die sich unter dem Motto «TG.Shakespeare» dem 400. Todestag des englischen Überdichters widmen. Die Geister aus dessen meistgespieltem Stück treffen im Theaterhaus Thurgau auf eine ausgelassene Hochzeitsgesellschaft, die nichtsahnend hineingezogen wird in einen Strudel von Ereignissen. Im Zentrum steht die Liebe: jung und euphorisch, verschmäht, erloschen. Sie ist der Motor, der alles antreibt, ihr streben alle nach, nur um sie aus der Hand zu geben, kaum dass sie sie erreichen. Denn letztlich, das erkennt Oberon treffend, dreht sich jeder doch nur um sich selbst.

Zur Zauberei greifen statt zum Paartherapeuten

Seine Ehe mit Göttin Titiana ist am Ende, das Feuer von einst erloschen, geblieben sind ein schaler Geschmack und all jene Worte, die nicht ausgesprochen werden. Zeit also, etwas zu unternehmen. Heute würde man einen Paartherapeuten bemühen, zu Shakespeares Zeit war es die Zauberei – wohl damals wie heute mit ähnlicher Erfolgsquote. Oberon schickt seinen Diener Puck aus, die Emotionen zwischen ihm und Gattin Titiana zu kitten; ein Unterfangen, das gründlich misslingt. Der therapeutisch wirkende Diener richtet ein emotionales Chaos an, einen Albtraum, in dem nichts mehr so ist, wie es war, und alles so, wie es nie hätte sein dürfen. Zutiefst menschlich sind die Themen, so vertraut die Charaktere im Stück, fast scheint es, man habe den einen oder anderen Satz bereits selbst gesagt oder gehört. Dazu passt die neu geschaffene Sitzordnung im Theaterhaus. Ein raffinierter Schachzug, der das Publikum in einzelne Grüppchen spaltet, die Schauspieler in die Mitte bringt und so alles miteinander verwebt: Bühnengeschehen, Publikum, Shakespeare, Traum und Wirklichkeit. Alles ist Realität, gleichzeitig ist alles Fiktion. Das Publikum wird überrumpelt von zahllosen Handlungsebenen, die sich alsbald zusammenfügen und verstricken, gerade so, wie man sich in Liebesdingen verstricken kann, bis man stolpert.

Musikalisch untermalt wird das Stück von Lucia Dischinger (Violine) und Pierrick Nzoungani (Perkussion). Ihre Klänge verwegen sich zu einem Ganzen, das die Handlung sanft trägt und untermalt, wie sich auch die anfangs chaotisch wirkenden Handlungsfetzen zusammenfügen. Jetzt schälen sich die Botschaften heraus, man erinnert sich Oberons Worten. Viel ist gewonnen, wenn sich jeder ein bisschen weniger um sich selber dreht, eine hochaktuelle Botschaft im Zeitalter von Selfies und exzessiver Selbstdarstellung. Fast wünschte man sich einen Sommernachtsalbtraum für die ganze Gesellschaft, einen Rausch, der alles durcheinanderwirbelt und Grenzen verschiebt, einen jedoch am Ende geläutert und mit klarem Blick zurücklässt.

Applaus an der falschen Stelle

Einzig der Schluss des Stücks überzeugt nicht. Er kommt abrupt und zeigt sich enttäuschend einfach, beinahe wie das Ende einer Beziehung. Am Ende gibt es nichts mehr zu sagen, darum hört man auf. Man wünscht sich mehr an dieser Stelle, etwas zum NachHause-Nehmen. Das Publikum ist verwirrt, einen Moment entsteht eine unangenehme Stille. Dann kommt zögernd Applaus auf, bricht wieder ab, denn es ist doch noch nicht fertig. Das ruiniert das Ende des Stücks, weil alle nur noch darauf bedacht sind, sich nicht mit einem falschen Applaus zu blamieren. Da wäre auch ein Ende weiter weg vom Original denkbar gewesen: Bei aller Ehrerweisung ist Shakespeare doch schon seit 400 Jahren tot.